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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 11:45 
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Mir geht gerade durch den Kopf, ob ein Schriftdolmetscher (sind wohl noch recht neu) nicht doch in vielen Fällen vorteilhafter ist als ein Gebärdensprachdolmetscher. Ich hatte bisher immer nur Gebärdensprachdolmetscher. Vorgestern hat mal meine Tochter per Laptop einen Infoabend für Eltern gedolmetscht. Ich muss sagen, ich fand das gar nicht schlecht. Man hat am Ende auch noch die ganzen Notizen als Datei. Im Studium hatte ich eine Gebärdensprachdolmetscherin (früher waren noch keine 2 Dolmetscher nötig) und zusätzlich haben Kommilitonen mich ihre Mitschriften kopieren lassen. Mit dem Schriftdolmetscher hätte man das in einer Person (oder darf man die gedolmetschte Datei nicht behalten?) - ausgenommen Zeichnungen von der Tafel. Wie sieht das bei Schriftdolmetschern aus, müssen das auch immer 2 sein, die sich abwechseln?

Wenn ich die Wahl habe, das ZDF Heute-Journal mit Untertiteln oder mit eingeblendetem Dolmetscher zu wählen, ziehe ich die Untertitel vor. Ich finde, man hat da mehr Zeit, noch herumzuschauen. Beim Schriftdolmetschen kann man sich auch freier Zeit nehmen, zur Tafel o.ä. zu gucken. Ist geschriebener Text nicht auch erholsamer als Gebärden? Im Studium bin ich irgendwann im Unterricht müde geworden. Ich weiß nicht, wie das mit Schriftdolmetscher gewesen wäre.

Ich bin nun ertaubt und kann Gebärdensprache nicht ganz so perfekt wie von-Geburt-Gehörlose. Zudem sieht es mit dem Textverständnis vielleicht auch vorteilhafter für Ertaubte aus, so dass Schriftdolmetscher für von-Geburt-Gehörlose vielleicht doch nicht erste Wahl wären. Wie seht ihr den Vergleich, welche Form hat für euch mehr Vorteile?
j.


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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 13:06 
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Das kommt auf verschiedene Dinge an. Wenn man mit Schriftdolmetscher (SD) arbeitet, muss man das Schriftdeutsche recht gut beherrschen. Deshalb wird meist ein SD empfohlen für schwerhörige oder spätertaubte Menschen, da diese ja wenigstens teilweise lautsprachlich aufgewachsen sind. Von Geburt an taube Menschen tun sich mit einem Gebärdensprachdolmetscher (GD) vermutlich leichter.

Wofür man sich letztlich entscheidet, hängt sicherlich auch von der Situation ab. In Unterrichtssituationen hat der SD gegenüber dem GD schon einige Vorteile. Eine automatische Mitschrift gibt es übrigens nicht. Das muss zuvor mit dem SD abgeklärt werden und auch Lehrer / Professoren usw. müssen dem zustimmen. Außerdem kommen dann unter Umständen weitere Kosten dazu. Also derlei Fragen / Wünsche unbedingt mit dem Dolmi rechtzeitig vor dem Einsatz klären!

Auch bei SDs ist Doppelbesetzung üblich. Das ist wegen des hohen Konzentrationsanspruchs erforderlich.

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Viele Grüße

Beri

Das Leben verstehen kann man nur rückwärts, leben muß man es vorwärts.


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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 13:49 
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Dass es den Text nicht mitgibt, ist schade. Das wäre m.E. ein starkes Argument für den Schriftdolmetscher. Bei vielen Gebärdenspracheinsätzen kann der Gehörlose neben dem Gebärdendolmetscher kaum etwas mitschreiben, was andere, hörende Eltern bei einem Elternabend oder so problemlos können. Dann wäre es wohl auch nicht erlaubt, eine Audiodatei aufzunehmen, oder? (wie Hörende es theoretisch für sich machen könnten)

Klar, gute Schriftsprache ist Voraussetzung für einen Schriftdolmetscher. Was wird lieber genommen, wenn man beides (Gebärden und Lautsprache) gut kann? Vermitteln Dolmetscherzentralen auch Schriftdolmetscher?
Wo findet man Schriftdolmetscher?
j.


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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 14:30 
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jenne hat geschrieben:
Dass es den Text nicht mitgibt, ist schade. Das wäre m.E. ein starkes Argument für den Schriftdolmetscher. Bei vielen Gebärdenspracheinsätzen kann der Gehörlose neben dem Gebärdendolmetscher kaum etwas mitschreiben, was andere, hörende Eltern bei einem Elternabend oder so problemlos können. Dann wäre es wohl auch nicht erlaubt, eine Audiodatei aufzunehmen, oder? (wie Hörende es theoretisch für sich machen könnten)

Klar, gute Schriftsprache ist Voraussetzung für einen Schriftdolmetscher. Was wird lieber genommen, wenn man beides (Gebärden und Lautsprache) gut kann? Vermitteln Dolmetscherzentralen auch Schriftdolmetscher?
Wo findet man Schriftdolmetscher?
j.


Oh sorry, da hab ich mich missverständlich ausgedrückt. Es ging mir nur darum, dass eine Mitschrift nicht automatisch erstellt wird. Du musst vorher mit dem Dolmi abklären, ob es machbar ist (hat auch mit der Qualität zu tun: unkorrigiert oder eher wie ein Protokoll, zusätzliche Kosten, ...). Und man muss vorher mit den Sprechern klären, ob sie einverstanden sind (Copyright!). Das gilt aber genauso für eine Audio-Aufzeichnung. Ohne Einverständnis der Sprecher sind Aufzeichnungen nicht gestattet.

Wegen SD-Kontakt schick ich dir eine PN.

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Beri

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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 16:02 
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Ah, ok., die Mitschrift wäre schon echt interessant. Würde mich auch interessieren, wie genau geschrieben wird bzw. welche Technik üblicher ist. (Ich habe da jetzt schon eine Seite entdeckt: http://www.kombia.de/de/spracherkennung ... iertechnik ). Was da zur ungeübten Spracherkennung steht, ist übrigens nicht mehr ganz richtig. Ich kommuniziere mit hörenden Freunden oft mit Spracherkennung im Handy. Die braucht nicht trainiert zu werden, klappt jedoch nicht in Gruppen oder mit mehr als ca. 40 cm Entfernung vom Handy. Zudem braucht es Datenvolumen und etwas Rechenzeit. Aber ich denke, offline-Spracherkennung in PCs braucht wohl noch immer Training auf den Sprecher.

Sind Schriftdolmetscher bisher nur selten gefragt? Ich kenne bisher keine Leute, die Schriftdolmetscher probiert haben.
Mich würden auch speziell praktische Erfahrungen von Hörgeschädigten interessieren.
Dass man beim Schriftdolmetscher selbst entscheiden kann, wann man hinschaut, betrachte ich als echten Vorteil. Das entspannt doch sicherlich. Mit welcher Dolmetschform können Hörgeschädigte, die Gebärden wie auch Lautschrift gut beherrschen, am bequemsten verstehen und was hat in der Praxis mehr Vorteile?
j.


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BeitragVerfasst: Fr, 1.6.12 16:24 
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Ja, die Kombia vermittelt auch SDs. Bei denen hab ich meine Ausbildung gemacht.

Es gibt 3 Systeme:

Spracherkennung - Training auf die Stimme ist unabdingbar, da ansonsten nicht simultan im Originaltempo des Sprechers gedolmetscht werden kann. Lange Rechenzeiten darf es beim Simultan-Dolmetschen nicht geben. Du willst ja den Text nicht erst lesen, wenn schon der nächste Sprecher die ersten Sätze gesagt hat. ;-)

Konventionelles System - hier wird auf der Tastatur schnellstmöglich mitgeschrieben, wenn Sprechtempo zu hoch, muss der Dolmi kürzen.

Computerstenographie - spezielle Tastatur, IMHO einziger Nachteil gegenüber den anderen Systemen ist eine etwas kompliziertere Art der Korrektur.

SDs sind eigentlich schon gefragt, aber die Kostenträger sind noch seeeehr schwerfällig. Die GDs gibt es halt schon viel länger und von daher sind die bei den Kostenträgern eher akzeptiert. Es liegt schlussendlich an uns allen, den Bedarf an SDs immer wieder deutlich zu machen. Also nachfragen, nachfragen, beantragen, beantragen...! Nur so werden die SDs irgendwann ebenso selbstverständlich wie die GDs.

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Beri

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BeitragVerfasst: Sa, 2.6.12 12:03 
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Hallo Jenne,
ich bin selbst Schriftdolmetscherin und führe auch Beratung für Hörgeschädigte im Bereich Schriftdolmetschen durch. Aus meiner Erfahrung ist es so: Gehörlose, die sowohl gut gebärden als auch gut mit der Schriftsprache zurecht kommen, entscheiden sich je nach Situation unterschiedlich.

Meistens ist es so: In Diskussionen setzen viele lieber Gebärdensprachdolmetscher ein. Der Gebärdensprachdolmetscher kann schneller auf den Redner (durch Handzeichen / Fingerzeig) hinweisen. Dadurch kann die Diskussion leichter verfolgt werden. Ein Schriftdolmetscher muss den Namen jedes Redners kennen, damit er den zu Beginn eines Sprecherwechsels schreiben kann. Ansonsten bleibt nur die Möglichkeit "Frau in blauem Pulli" oder "Sprecherwechsel" zu schreiben. Aus meiner Erfahrung: Viele gehörlose Menschen finden das unbefriedigend.

Anders ist es in klareren Situationen, wo es z. B. einen Dozenten / Lehrer gibt: Es gibt Fragen und Antworten oder Kommentare. Der Schriftdolmetscher schreibt meist nur "Lehrer" und "Schüler" beim Sprecherwechsel. Trotzdem ist klar: Das, was der Lehrer sagt, wird in der Regel das "Relevante" sein. Aus meiner Erfahrung heraus wird in solchen Situationen sehr individuell unterschiedlich entschieden.

Bei Vorträgen oder Lesungen erlebe ich es häufiger, dass sich gehörlose Personen mit guter Schriftkompetenz für den Schriftdolmetscher anstatt für den Gebärdensprachdolmetscher entscheiden. Begründungen sind oft, dass die Fremdwörter und deren Schreibweise gleich miterlernt werden kann und dass eben eine Mitschrift möglich ist (genaueres hatte Surdo ja schon geschrieben). Manche sagen auch, dass sie es mögen mitzubekommen, wie jemand tatsächlich spricht und sich ausdrückt. Was er ganz genau gesagt hat. Das sagt ja auch immer etwas über den Redner aus.

Du solltest auch wissen, dass Schriftdolmetscher nicht von der Gebärdensprache in die Lautsprache übersetzen. Wenn also der Gehörlose oder Spätertaubte selbst etwas sagen will, kann der Schriftdolmetscher nicht voicen / in die Lautsprache übertragen. Der Gehörlose oder Spätertaubte muss also selbst sprechen / sich verständlich machen.

Am allerschönsten finden die meisten, wenn beide, also Schriftdolmetscher und Gebärdensprachdolmetscher, da sind, z. B. bei großen Veranstaltungen. Dann kann zwischen beiden Methoden hin- und hergeschaut werden. Auf den Gebärdensprachdolmetscher, wenn es schnell hin- und hergeht, auf den Schriftdolmetschertext, wenn man etwas verpasst hat oder vielleicht auch eine Gebärden nicht verstanden hat, o.ä.

Für die meisten ist es allerdings eine sehr individuelle Entscheidung. Es hängt davon ab, wie gut jemand gebärden kann und wie gut jemand Schriftsprache verstehen kann. Das Beste ist es aus meiner Sicht, im Zweifel beides auszuprobieren. Manchmal gibt es ja Veranstaltungen in der Nähe, wo es auch Schriftdolmetscher gibt. Dann kann man es da einfach mal austesten. Oder man setzt sich mit einer Vermittlungsstelle in Verbindung. Wenn z. B. eine in der Nähe ist, können die auch demonstrieren, wie das Schriftdolmetschen geht. Sie können auch erklären, was beim Schriftdolmetschen alles angepasst werden kann. Ähnlich wie beim Gebärdensprachdolmetscher ist der Schriftdolmetscher am besten, wenn er sich auf den Hörgeschädigten einstellen kann. Er kann mehr oder weniger Absätze machen, mehr oder weniger zusammenfassen, die Schrift größer oder kleiner machen, und so weiter.

Ich hoffe ich konnte dir etwas weiterhelfen. Ansonsten frag einfach nochmal ;-)

Viele Grüße
Birgit


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BeitragVerfasst: Mo, 4.6.12 14:09 
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Vielen Dank für die Infos. Die sind gut nachvollziehbar.
Ein Schriftdolmetscher ist vielleicht auch dann ganz nett, wenn man weniger auffallen möchte :). Allerdings muss man eine Steckdose in der Nähe finden, was wohl auch nicht immer so einfach ist.

Sind Schriftdolmetscher eigentlich genauso teuer wie Gebärdensprachdolmetscher? Bis zu wie viel Minuten reicht jeweils ein Dolmetscher? Beim Schriftdolmetschen ist das Gute, dass es auch Leute ohne spezielle Kompetenz notfalls machen können. Bei privaten Einsätzen bezahlt ja kein Amt und da werden professionelle Dolmetscher schnell teuer. Gibt es vielleicht auch bestellbare zweitklassige Schriftdolmetscher, die ohne große Ausbildung deutlich billiger sind? Ein Einsatz für ein paar Stunden kann ja auch schnell ein paar hundert Euro kosten und für privat ist das ja schon heftig.
j.


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BeitragVerfasst: Mo, 4.6.12 17:14 
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Hallo Jenne,
ob eine Steckdose notwendig ist, hängt von der Dauer des Einsatzes ab. Bei einem Arztbesuch z. B. reicht in der Regel der Akku vom Laptop. Aber auch ansonsten muss sich der Gehörlose / Schwerhörige etc. keine Sorgen wegen der Steckdose machen: Der Schriftdolmetscher klärt das alles im Vorfeld selbst. Eventuell braucht er nur die Kontaktdaten vom Ansprechpartner vor Ort, um alles organisieren zu können.

Wegen der Kosten: Die Kosten für die Schriftdolmetscher sind vergleichbar mit denen für Gebärdensprachdolmetscher. Der Regelsatz sind 55 Euro / Stunde, normalerweise ist nach einer Stunde eine Doppelbesetzung notwendig. Allerdings gibt es Situationen, z. B. bei Bezahlung durch das Integrationsamt, das geringere Sätze vereinbart werden, aktuell sind das beim Integrationsamt 42,50 Euro (für zertifizierte Schriftdolmetscher), 30 Euro (für nicht-zertifizierte Schriftdolmetscher). Oft wird bei privaten Terminen (ohne Kostenträger, der bezahlt), auch ein ähnlich niedriger Preis angeboten wie beim Integrationsamt. Aber das ist auch abhängig vom Bundesland und von den Dolmetschern.

Wegen der "billigeren" Schriftdolmetscher: Natürlich kann man für einen kleinen Preis auch "irgendjemand" finden, der den Auftrag übernimmt. Oftmals gibt es irgendeine Schreibkraft, die sich denkt "das kann ich auch" und diese Dienstleistung anbieten. Aus meiner Sicht hat das sehr viele Nachteile: Diese Schreibkräfte haben keine Qualifizierung (Schulung) zum Schriftdolmetscher und keine Prüfung abgelegt. Du weißt vorher gar nicht, ob sie gut oder schlecht sind. Diese Schreibkräfte wissen meist nicht, wie sie sich professionell und neutral verhalten, dass sie Schweigepflicht haben, dass sie ihre eigene Meinung heraushalten müssen, dass sie alles schreiben müsse (auch Beleidungen, Witze, Schimpfwörter) usw. Hinzu kommt, dass die Qualität nicht gesichert ist. Manche Schreibkräfte schreiben dann z. B. "Begrüßung" anstatt "Hallo, ich freue mich, dich zu sehen." weil es Ihnen z. B. zu schnell geht und sie denken, dass das ok ist. Oder es kommen Fehler vor, weil die Schreibkraft nicht geschult darin ist, lange in hohem Tempo zu schreiben und Dinge gut und richtig zu erinnern. Das heißt, du hast schlimmstenfalls für eine Leistung bezahlt, von der du nichts oder nicht viel hast.

Trotzdem kann ich natürlich verstehen, dass es im privaten Kontext schwierig ist, hohe Kosten zu tragen. Mein Vorschlag wäre, dass du dich in diesem Fall an einen Schriftdolmetscher oder eine Vermittlungsstelle deiner Wahl wendest. Vielleicht gibt es doch eine Kostenträger oder eine Förderungsmöglichkeit oder es lässt sich eine Möglichkeit finden. Das klappt sicherlich nicht immer, aber es ist den Versuch wert.

Tut mir leid. Etwas anderes kann ich dir da nicht raten.

Viele Grüße
Birgit


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BeitragVerfasst: Di, 10.9.13 10:08 
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Ich habe es jetzt erstmals mit Schriftdolmetscher probiert. Sehr interessant! Bisher hatte ich nur Gebärdensprachdolmetscher, wobei ich meist einen Mix aus LBG und DGS bevorzugt habe, d.h. ich kann halbwegs auch DGS, aber nicht so gut wie von Geburt Gehörlose.

Mit Schriftdolmetschern war das komplett anders als mit Gebärdensprachdolmetschern, aber beides klappt :). Es war jetzt ein sprachlich schwieriges Thema und ich konnte da leider kaum inhaltliche Informationen vorab geben, damit Worte in das Spracherkennungssystem eingegeben werden können. Es ging aber auch so. Es kommt sehr viel Text an. Also ich habe da einen Laptop vor mir stehen mit einem Text-Programm, wobei ich selbst gar nicht an den Laptop gehe. Das ist alles ferngesteuert über Netzwerkkabel oder so. Die Schriftdolmetscher haben auch je einen Laptop vor sich, mit jeweils selbsttrainiertem Spracherkennungsprogramm (Natural Speaking 12).

Zunächst fällt auf, dass die direkte Kommunikation mit den Dolmetschern nicht so flüssig ist wie zu Gebärdensprachdolmetschern, denn die Schriftdolmetscher können nicht unbedingt Gebärden (Eine der beiden konnte etwas gebärden). Aber es macht nichts, es klappte auch so, ein bisschen drumherum miteinander zu sprechen. Zu Gebärdensprachdolmetschern ist es ein bisschen wie zu anderen Gehörlosen, Schriftdolmetscher sind da mehr wie Hörende, was jedoch kein Problem ist.

Im Unterschied zu Gebärdensprachdolmetschern müssen Schriftdolmetscher ihr System vorher aufbauen, was 20 - 30 Minuten dauern kann. Ist doch eine Menge Technik. Gebärdensprachdolmetscher hingegen können im Prinzip auch kurz vor Beginn kommen.

Die Schriftdolmetscher saßen nun schräg hinter mir, also nicht wie Gebärdensprachdolmetscher vor mir. Rückfragen klappt nicht, ist aber auch gar nicht nötig.

Es kommt eine Menge Text an. Ich denke, von Geburt Gehörlose könnten da mehr oder weniger Probleme haben, aber das kann ich als Ertaubter nicht wirklich einschätzen. Man muss auf jeden Fall schnell lesen und es kommen auch mal Fremdworte, also genauso, wie gesprochen wird. Gut finde ich nun, dass man sich selbst einteilen kann, wann man zum Laptop schaut und wann man in den Raum guckt, z.B. um den Beamer oder die Leute zu sehen. Am Beamer kamen "Folien" (Powerpoint), die man sich auch ansehen muss. So etwas ist mit Gebärdensprachdolmetscher schwieriger, denn wenn man hochguckt, verpasst man ggf. etwas vom Übersetzten.

Da der Inhalt nicht so einfach war, musste beim Schriftdolmetschen manchmal korrigiert werden (Ich konnte, wie gesagt, im Vorfeld kaum Informationen zum Inhalt geben). Ich finde es erstaunlich, wie das klappt. Da sind beide beschäftigt, d.h. diejenige, die gerade in das (schallgedämpfte) Mundstück spricht und die andere, die den Text korrigiert. Bei Gebärdensprachdolmetschern passt die zweite zwar auch auf, aber ist nicht so aktiv, kann sich wohl mehr ausruhen. Der Text wird manchmal korrigiert, sobald man schon liest. Es kann also passieren, dass man beim ersten Lesen im Satz keinen Sinn erkennt und der erst kurz darauf nach Korrektur klar wird. Zumeist kommt der Text aber schon sofort richtig an.

Die Schriftdolmetscher wechseln anfangs nach spätestens 30 Minuten, danach immer kurzfristiger (z.B. bis 10 Minuten). Von Gebärdensprachdolmetschern kenne ich es nur so, dass sie konstant alle 15 Minuten wechseln. Durch das schallgedämpfte Mundstück können andere Hörende nur ein leises Murmeln wahrnehmen und das stört die offenbar nicht.

Ein Vorteil bei Gebärdensprachdolmetschern ist, dass sie einfacher auf einen Sprecher zeigen können. Man ist mehr mitten drin. Bei Schriftdolmetschern muss man selbst umherschauen/suchen, wer spricht. Wenn ein anderer spricht, kam im Text dann "Sprecherwechsel". Auch kamen die kleinen Dinge nebenbei. "(lachen)" oder sowas kam in Klammern im Text.

Was ist nun geeigneter für mich? Ich denke, bei dieser Veranstaltung war ich mit Schriftdolmetschern besser bedient. Der Inhalt war nicht einfach. Ich kenne es, dass ich bei Gebärdensprachdolmetschern irgendwann müde werde und dann mehr und mehr Inhalt quasi an mir vorbei geht. Bei Text hingegen kann man dann nochmal zurückschauen und lesen. Es waren so ca. 15-20 Zeilen, die langsam hochscrollten, um unten Platz für neuen Text zu haben. Es war also ein bisschen Zeit, um nochmal nachzusehen, was vorher im Zusammenhang gesprochen wurde. Das finde ich gut. Immer, wenn der Schriftdolmetscher Luft holt, kommt neuer Text, d.h. es kommen nicht einzelne Worte rüber, sondern immer so etwa halbe Sätze dazu. Bei Gebärdensprachdolmetschern kann man im Prinzip zwar nachfragen, doch der folgende Inhalt kann dann verloren gehen.

Ein Fall, in dem Gebärdensprachdolmetscher wiederum im Vorteil sind, ist, wenn man nicht an einem Platz vor dem Laptop sitzen bleiben kann, also, wenn man aktiv im Raum ist. Das könnte mit Schriftdolmetscher vielleicht schwierig werden. Den Fall hatte ich jetzt noch nicht.

Vorteilhaft ist, dass bei Schriftdolmetschern die Option besteht, den Text danach bekommen zu können - vorausgesetzt, das hat man vorher geklärt, denn dazu müssen auch die gedolmetschten Personen gefragt werden. Das kostet dann etwas Aufpreis. Die Auf- und Abbauzeit wird übrigens nicht zusätzlich berechnet.

Ich hatte jetzt Schriftdolmetscher mit Spracherkennungssystem. Soweit ich weiß, sind die noch in der Minderheit. Andere nutzen wohl direktes Tippen, wodurch evtl. nicht so viel Text ankommt (?). Insgesamt gibt es bisher wohl in Deutschland nur etwa 40 Schriftdolmetscher, also viel weniger als Gebärdensprachdolmetscher.

Was nun geeigneter ist, kann man nicht pauschal sagen. Das kommt dann auf den jeweiligen Fall und natürlich auch auf den Gehörlosen an. Es ist schön, dass man wählen kann :).
j.


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