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 Betreff des Beitrags: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mi, 11.3.09 12:47 
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Registriert: Mi, 11.3.09 12:34
Beiträge: 6
Hallo,

hat der ein oder andere schon "Im Rhythmus der Stille" von Sarah Neef gelesen? Mir ist Sarah Neef seit der Ausstrahlung der Doku "Im Rhythmus der Stille" ein Begriff. Und da habe ich jetzt mit sehr viel Neugierde und Spannung ihre Autobiografie gelesen. Einem Gehörlosen muss sie freilich nicht sagen, wo der Beitel den Most holt. Aber die meisten der Hörenden sind sich - wenn überhaupt, dann vermutlich nur sehr eingeschränkt - der Problematik bewusst und neigen dazu, zu sehr in Schubladen zu denken. Da liegt dann nicht wenig Komik in der Situation, dass "ausgerechnet" eine Gehörlose den Hörenden die AUGEN öffnet :-)
Ich hoffe, dass sehr viele Menschen das Buch lesen werden, da man als Leser den Spiegel vorgehalten bekommt und selbst als aufgeschlossener Mensch merkt, wie sehr man dennoch in Schubladen denkt, von unterschwelligen Vorurteilen gelenkt wird oder - im günstigsten Fall - wie sehr man andere Menschen unterschätzt und wie wenig man ihnen -aus welchen Gründen auch immer- zutraut. Da gelingt Sarah Neef mit ihrem Buch doch ein wundervoller Brückenschlag, indem sie den Hörenden vermittelt: "He, wir sind zwar anders, aber so anders, wie ihr denkt, auch wieder nicht!".
Ich denke nach der Lektüre werden sehr viele Menschen ohne Handicap Menschen mit Handicap ganz anders begegnen. Und Menschen mit Handicap fühlen sich vielleicht ein wenig ermutigt, sich ihre Träume nicht vorschnell von anderen ausreden zu lassen... auch wenn man sich jetzt tunlichst davor hüten sollte, Sarah Neef gleich als Prototyp-artiges Vorbild zu stilisieren.
Selbst als ein stets um Aufgeschlossenheit bemühter Mensch war mir diese im Buch angesprochene, scheinbar sehr verbitterte Gegnerschaft zwischen den beiden Gehörlosen-Kulturen (Gebärdend Kommunizierende einerseits, lautsprachlich Kommunizierende andererseits) unbekannt. Und ich bin darüber erschüttert. Ich hoffe sehr, dass Sarah Neef mit ihrem Standpunkt der einander gleichberechtigten Gehörlosen-Kulturen richtig verstanden wird (auch wenn sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte natürlich eine deutliche Präferenz hat) und ihr Buch nicht Anlass für neuerliche "Grabenkämpfe" wird. Vielmehr hoffe ich, dass ALLE Gehörlosen gegenüber der hörenden Welt GEMEINSAM um gleiche Chancen, Akzeptanz und Förderung kämpfen. Nur weil beide Gehörlosen-Kulturen zugegebenermaßen sehr unterschiedlich sind - vielleicht auch in ihrer Positionierung zur hörenden Welt - heißt das ja noch lange nicht, dass sie sich untereinander nicht grün sein müssen. Denn das gäbe gegenüber den Hörenden ein sehr schlechtes Bild ab und bestärkte diese nur in ihren Vorurteilen.

Mal unabhängig davon wie man Sarah Neef persönlich beurteilen mag, glaubt Ihr, dass ihre Autobiografie eine Diskussion anstoßen bzw. wieder ein bisschen mehr in Gang bringen kann, auf dass die Gesellschaft Menschen mit Handicap vielleicht endlich so begegnet, wie es jedem Menschen gebührt?

Viele Grüße


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mi, 11.3.09 19:41 
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Registriert: Mo, 7.11.05 13:55
Beiträge: 393
Hallo Librum,

wäre schön, wenn auch umgekehrt die Gehörlosen mal die Hörenden
nicht nur als vorurteilsbelastete, stupide Audisten ansehen würden.
Da ist bestimmt genauso viel zu arbeiten wie umgekehrt. :wink:

Naja, das mit den Grabenkämpfen (die Feindseligkeiten sind mir durch-
aus bekannt, das artet richtig in Haß aus manchmal) kann man nur
hoffen.

Ich erinnere mich an eine Fernsehsendung mit Sarah Neef - ich glaube,
es war mal das Nachtcafe auf SWR, bin mir aber nicht sicher.
Soweit ich mich erinnere, waren da so einige Gehörlose überhaupt nicht
gut auf Frau Neef zu sprechen....

Schade eigentlich, daß da so viel Energie auf das Draufkloppen auf an-
dere verschwendet wird, die man positiver nutzen könnte.


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Sa, 28.3.09 18:51 
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Registriert: Sa, 28.3.09 18:22
Beiträge: 1
Hallo ,liebe Freunde von im Rhythmus der Stille

ich habe das Buch gelesen und fand es sehr interessant. Als hörende Person war mir es noch nie so bewusst ,dass Menschen mit diesem Handicap solche Probleme in unserer Gesellschaft haben. Was mich am meisten interessiert ist ,wie haben es Sarah´s Eltern geschafft ihr die Lautsprache beizubringen .Ich arbeite selbst seit Jahren in einer Kita mit Kindern und weiss wie Kinder sprechen lernen ,aber wie lernt ein Kind, das nichts hört? Wann hat sie damit angefangen noch vor dem lesen?

Es ist wirklich schlimm wie sehr sie in der Schule ausgegrenzt wurde und was für schlechte Erfahrungen sie immerwieder mit "Hörenden " machen musste ob beim Arzt, oder mit den Lehrern!!!!!!!!
Ich glaube es liegt bestimmt auch daran, dass Menschen nicht wissen wie sie mit anderen umgehen sollen ,die eine Behinderung haben. Ich möchte die nicht in Schutz nehmen, aber manche sind einfach ignorant und intolerant gegenüber Personen ,die ein Handicap haben.
Ehrlich gesagt, wüsste ich nicht genau wie ich reagieren würde zumindest hätte ich Hemmungen.
Liebe Grüsse von einer Sindelfingerin.........Birgit :B-fly:


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mo, 30.3.09 11:01 
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Registriert: Mi, 11.3.09 12:34
Beiträge: 6
Hallo Birgit,

als Hörender (wenn auch interessierter und nachfragender) kann ich das natürlich nur lücken- und laienhaft wiedergeben. Lautsprachlich kommunizierende Gehörlose mögen mir das bitte nachsehen und dürfen sich gerne gebeten fühlen, diese Lücken hier an dieser Stelle zu schließen - auch wenn es sicherlich nervig ist, uns unwissenden Hörenden immer wieder und wieder dasselbe erklären zu müssen (Sisyphos lässt grüßen ;-)
Tatsächlich ist es für uns Hörende möglich unsere Aussprache über das Gehör selbst zu kontrollieren und zu korrigieren. Da einem Gehörlosen dieser Sinn fehlt, muss er andere physikalische Effekte der Sprache nutzen. Dies ist z.B. ein Vibrieren der Kehle (z.B. beim "R") ein Luftausstoß am Mund (z.B. beim "P") usw. Sarah Neef erwähnt in ihrem Buch kurz, dass es unzählige Übungen gibt. So kann man z.B. die Unterschiede verschiedener Buchstaben anhand des Luftausstoßes am Mund mit einer Kerzenflamme "sichtbar" machen (Bei einem "B" darf sich die Flamme nicht bewegen, bei einem "P" muss sie es...).
Aus Sarah Neefs Buch und aus Interviews erfährt man, dass ihre Eltern Jahr für Jahr für einige Zeit eine Sprachtrainerin besucht haben, die ihnen genau solche Übungen vermittelte, damit sie das dann zuhause mit ihrer Tochter üben konnten. Man kann sich freilich vorstellen, wie schwierig und langwierig es für die Eltern sein muss, wenn sie dem Kind eben nicht verbal sagen können, was genau zu tun ist. Da wird wohl noch sehr viel mehr über spielerisches Nachahmen laufen müssen, als sowieso schon bei Kindern. Fleiß und Ausdauer sind auch unerlässlich (auch und gerade bei den Eltern). Sarah Neef schreibt ja selbst, wie schwer ihr es als Kind oft viel, bei solchen Übungen dranzubleiben. Nur, wenn es irgendetwas mit Rhythmus zu tun hatte, war sie Feuer und Flamme und leidenschaftlich dabei. Aber das wird bei anderen Kindern wieder ganz anders sein. Genau da liegt bestimmt der Schlüssel des Erfolges drin: die Leidenschaften des Kindes nach Möglichkeit in Einklang mit den Übungen bringen.
Was das Lesen anbelangt, ging das bei Sarah Neef Hand in Hand mit dem Sprechenlernen, bzw. ja fast schon vorher. Während sie mit 3 Jahren schon lesen konnte, hat sie manchen Buchstaben erst mit 10 Jahren oder noch später sauber aussprechen können. Ich denke das Lesen ist gerade bei der lautsprachlichen Erziehung von gehörlosen Kindern eine enorme Hilfe, wenn nicht beinahe schon eine Voraussetzung. Da nimmt Sarah Neefs Aussage, dass sie mit bereits 3 Jahren eine eifrige Leseratte war nicht Wunder - war das für sie doch eine unermessliche Informationsquelle, die sie selber, ohne die Hilfe von Hörenden nutzen konnte.
Was uns Hörenden vermutlich auch nicht auf Anhieb klar ist (neben so vielem anderen), ist der Umstand, dass dieser Prozess des Sprechenlernens bei einem lautsprachlich kommunizierenden Gehörlosen eigentlich nie ganz abgeschlossen ist. Während der Hörende ja schon mit wenigen Jahren selbst in der Lage ist über sein Gehör seine Sprache selbst, ohne fremde Hilfe zu korrigieren, ist der Gehörlose in dieser Hinsicht immer auf Hilfe von Hörenden angewiesen. So weiß ich von Sarah Neef, dass sie regelmäßig Stimmbildung unter professioneller Begleitung betreibt, damit ihre Aussprache sauber bleibt und nicht mit der Zeit verwischt. Und sie ist im persönlichen Gespräch dankbar, wenn man sie auf Fehler hinweist. Wenn sie vielleicht gelernt hat, dass das "U" in "tun" gedehnt gesprochen wird, dann wird sie das auf andere Wörter übertragen. Wie sie in ihrem Buch schreibt, musste sie von einer hörenden Freundin einmal darauf hingewiesen werden, dass das alkoholische Getränk "Rum" nicht ausgesprochen wird, wie "Ruhm". Solche Fälle gibt es bestimmt Unzählige und treten immer wieder auf (siehe die Anekdote aus ihrem Buch bzgl. Abkürzungen: Spricht man sie in einem Wort aus, wie "UNESCO" oder buchstabenweise, wie "BASF" - Wir Hörenden machen uns darüber keinerlei Gedanken; einmal gehört und man hat's drauf).

Eines der Dinge, die mich bei der Lektüre von Sarah Neefs Buch trotz allen eigenen Mitdenkens und Kombinierens am meisten überrascht hat - auch wenn es mir absolut logisch und verständlich erscheint - ist der Umstand, dass Sarah Neef abends fix und fertig ist, wenn sie den lieben langen Tag viel Lippenlesen musste. Wir Hörenden können ja völlig entspannt Gesprochenes passiv auf uns rieseln lassen. Wenn ich aber nur etwa 30 % des Gesprochenen von den Lippen tatsächlich lesen kann und die restlichen 70 % mir aktiv aus dem Kontext heraus selber erschließen muss, dann ist klar, dass diese Gedächtnisleistung ihre Spuren hinterlässt. Im Positiven, dass die kombinatorischen Fähigkeiten und das Gedächtnis von Gehörlosen auf lange Sicht durchschnittlich vermutlich besser sind als bei Hörenden (ich glaube Sarah Neef promoviert auch gerade über eine derartige Fragestellung), was ich mir auch schon selber gedacht habe. Im Negativen, dass stundenlanges Lippenlesen kurzfristig sehr ermüdet. Obwohl mir das absolut logisch ist, habe ich selber nie daran gedacht. Vor diesem Hintergrund sehe ich studierende Gehörlose nochmals mit ganz anderen Augen: Während für sie schon allein das Verfolgen der Vorlesung viel anstrengender ist, hört der Tag mit der Vorlesung ja noch längst nicht auf. Noch viel mehr als Hörende müssen sie anhand von Mitschrieben und anderer Literatur die Lücken schließen, die selbst bei bestmöglichem Lippenlesen zahlreich entstehen. Da wird das Studium dann wahrlich zu einem Kraftakt.

Ich finde Sarah Neefs Buch kann sehr viel in Bewegung bringen. Auch oder gerade wenn man selber bisher nicht viel mit Handicaps und betroffenen Personen zu tun hatte, so regt das Buch doch sehr zum Nachdenken an. Das Buch ändert doch die Sichtweise des Lesers. Personen mit Handicap sehen sich vielleicht ermutigt nicht nur unverzagt ihren Weg zu gehen und ihre Rechte einzufordern, sondern allzeit mit der "Unwissenheit" der anderen zu rechnen und diese aktiv abzubauen helfen, indem sie sich offenbaren und sagen, was Sache ist. Und Personen ohne Handicap werden sich vielleicht ein bisschen aufgeschlossener und neugieriger zeigen oder zumindest Personen mit Handicap nicht von vorneherein unterschätzen und nur als bemitleidenswerte Geschöpfe in eine geistige Schublade sperren.
Zumindest lehrt uns das Buch eines: Hemmungen wegen eines Handicaps sind nicht angesagt, weder von einer Person mit einem solchen gegenüber anderen, noch umgekehrt.

Gruß

Librum


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mo, 30.3.09 20:23 
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Registriert: Mi, 25.2.09 19:04
Beiträge: 19
Librum,

stell es Dir so ähnlich vor, wenn Du ein Lied singen willst, dessen Melodie Du nicht kennst. Falls Du dann noch unmusikalisch bist, wirst Du das Lied nie richtig singen können.

Was das Lippenablesen anbelangt, so gibt es zu viele Wörter, die ein ähnliches Mundbild aufweisen. Nehmen wir z.B. die Wörter "Kamel", "Kabel" oder "Gabel". Auch der Wissensschatz spielt dabei eine Rolle, je mehr man weiß, desto einfacher erkennt man Zusammenhänge. Je länger die Sätze oder die Wörter, desto eher wird man Aussetzer haben. Mitunter hat man auch mal einen Blackout, bei dem man das Wort trotz Bemühungen einfach nicht verstehen will.

Da Hörende von alldem keine Ahnung haben, beim dritten Versuch endlich etwas zu verstehen oder als nervender Depp abgestempelt zu werden.

Jeder Mensch hat zudem ein anderes Mundbild, auf dem man sich erst nach einer gewissen Zeit eingestellt hat. Allerdings gibt es Zeitgenossen, die man partout nicht verstehen kann, trotz gutgemeinten Anstrengsbemühungen beider Seiten.

Ich könnte glatt selbst ein Buch über all meine Lebenserfahrungen mit der Umwelt schreiben...


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Di, 31.3.09 9:05 
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Registriert: Mi, 11.3.09 12:34
Beiträge: 6
Hallo Ronco,

ich glaube da sind Hörende und Gehörlose doch schon ganz nahe beieinander. Auch Hörende haben nicht selten das Problem, dass sie einen anderen nicht verstehen, z.B. aufgrund eines Dialektes oder unsauberer Aussprache, so wie der Lippenlesende mit dem ein oder anderen Mundbild einfach nicht zurechtkommen kann.
Und auch im Gespräch mit einem Hörenden habe ich generell das Problem, ob sein "Hä?" darauf zurückzuführen ist, dass er ein Wort akustisch nicht verstanden hat oder dass er das Wort nicht kennt, so wie ich im Gespräch mit einem Lippenlesenden nicht weiß, ob er das Wort deshalb nicht verstanden hat, weil das Mundbild kurzzeitig nicht sauber genug war oder weil es sich um ein Wort handelt, dass sich schlichtweg nicht ablesen lässt und sich auch nicht aus dem Kontext heraus ergibt.

Mit einer lippenlesenden Bekannten handhabe ich es (ohne vorherige Absprache) so, dass ich bei einem "Hä?" von ihr, den letzten gesagten Satz zunächst identisch wiederhole, falls der Fehler "nur" in einem schlechten Mundbild lag. Falls sie dann immer noch die Augenbraue hochzieht, denke ich mir schon selber, dass irgendetwas einfach nicht abzulesen und/oder zu kombinieren ist und dann formuliere ich anders. Das funktioniert eigentlich sehr gut. Ich bin mir zwar durchaus bewusst, dass ich mich mit einer Gehörlosen unterhalte, aber meist versteht sie so gut, dass das Gespräch recht schnell eine solche Eigendynamik entwickelt, dass ich kurzzeitig vergesse, dass sie gehörlos ist. Wenn sich ihre "Hä?"s dann wieder häufen, erinnere ich mich natürlich gleich wieder und "rufe mich selber zur Räson". Aber vielleicht darf ich an dieser Stelle um Verständnis werben, falls ein lippenlesender Gehörloser diesem Phänomen begegnet. Das hat nämlich nicht wirklich mit Unachtsamkeit oder gar Geringschätzung zu tun! Tatsächlich ist es ein unausgesprochenes Kompliment an die Fähigkeiten des Lippenlesenden, wenn er selbst den aufmerksamen Hörenden kurzzeitig vergessen macht, dass er sich mit einem lippenlesenden Gehörlosen unterhält.
Aber zugegebenermaßen ist es sicherlich einfacher, wenn sich Hörender und lippenlesender Gehörloser kennen. Sarah Neef hat es in ihrem Buch so beschrieben, dass sie sich den Wortschatz und die Art zu sprechen eines Bekannten quasi vor dem Gespräch "zurechtlegt". Das geht natürlich nicht, wenn man mit Unbekannten spricht. Und freilich wird es im Alltag wohl auch nicht möglich sein, jeden unwissenden Hörenden über die Problematik von Mundbildern und die etwa 70 % des Kombinierens aufzuklären, wenn man z.B. im Laden von einem Verkäufer nur den Preis eines Produktes wissen will.
Ich denke da braucht es dann tatsächlich Bücher, wie jenes von Sarah Neef, damit solche Problematiken überhaupt erst mal Nicht-Betroffenen bekannt werden. Wie sonst sollen sie sich dessen auch bewusst werden? So gesehen, kann ich nur dazu ermuntern sich zu rühren und eigene Erfahrungen wiederzugeben - ob im Kleinen, indem man Leute, mit denen man persönlich zu tun hat, nach und nach sensibilisiert oder auch im Großen, indem man mal ein Buch schreibt... warum auch nicht? Denn, wenn solche Bücher exotische Ausnahme bleiben, haben Menschen ohne Handicap ja auch eine allzuleichte Ausrede die Begehrlichkeiten von Menschen mit Handicap als offensichtlich nicht so relevant abzutun.
Ich würde mir ja auch wünschen, dass Eltern und Schule Kinder zu einer derartigen Aufgeschlossenheit erzögen, dass diese offen und ohne Hemmungen und Ressentiments auf Menschen zugehen können, die anders sind. Man kann natürlich nicht gleich alles über allles wissen. Aber wenn Neugierde und Offenheit da sind, kann man zumindest miteinander reden.
Die größten Missverständnisse entstehen nicht über falsch verstandenes Gesagtes, sondern über Unausgesprochenes.

Gruß

Librum


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Di, 31.3.09 18:02 
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Registriert: Mo, 7.11.05 13:55
Beiträge: 393
Librum, findest Du ?
Ich glaube, daß viele Streitereien dadurch entstehen, daß
Worte zwar verstanden werden (also, vom Hörenden aku-
stisch und vom Gehörlosen meinetwegen gelesen), aber
es dann zu Fehlinterpretationen der dahinter stehenden
Absichten kommt.


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mi, 1.4.09 8:32 
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Registriert: Mi, 11.3.09 12:34
Beiträge: 6
Hallo Rainbow,

ja tatsächlich finde ich das! Freilich entstehen unzählige Missverständnisse über falsch Verstandenes. Mit zunehmendem Schrecken stelle ich in den letzten Jahren fest, dass dies daran liegt, dass die Leute immer weniger in der Lage sind zuzuhören. Sie hören zwar die Worte (bzw. lesen sie von den Lippen ab), aber sie sind nicht mehr aufmerksam genug, um deren Sinn richtig zu verstehen oder zu interpretieren (wobei mangelnde Aufmerksamkeit bei Lippenlesenden eher nicht der Fall sein dürfte, da sie sonst vermutlich gar nix mitbekommen). Dieses Phänomen ist auch objektiv messbar (siehe die Tests zur Lese- und Verständniskompetenz bei der berühmt-berüchtigten Pisa-Studie oder Ähnlichem).
Dieses Aufmerksamkeitsdefizit bei den Hörenden geht aber leider auch einher mit zunehmender Unfähigkeit sich klar auszudrücken auf Seiten der Sprechenden. Das macht die Kommunikation gleich doppelt schwer.
Als technischer Redakteur bin ich natürlich gleich von Berufs wegen für diese Problematik hochsensibilisiert. Ich muss wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen - sowohl jene, die ich als Input bekomme, als auch jene, die ich als Output liefere. Mann, ich könnte Euch Geschichten erzählen, welche Dramen sich abspielen, wenn ich versuche von unseren Entwicklern herauszubekommen, wie eine Sache wirklich funktioniert oder welcher Zweck dahinter steckt. Umgekehrt bekomme ich auch öfters die Rückmeldung zu meinen Dokumentationen "He, ich verstehe nicht, was Du da schreibst". Auf meine daraufhin folgende Aufforderung, sich mal in aller Ruhe das Geschriebene zu Gemüte zu führen und gegebenenfalls zu überlegen, was da steht, bekomme ich dann in etwa 90 % der Fälle zur Antwort "Oh, ja, stimmt! Es steht ja eigentlich glasklar da".
Aber die GRÖSSTEN Missverständnisse (wenn bestimmt auch nicht die zahlreichsten) entstehen tatsächlich über Unausgesprochenes, über Dinge, die als selbstverständlich angenommen werden, aber nicht sind, über "Unpässlichkeiten", die nach "Pflege" schreien, aber nicht ausgesprochen werden, weil das der andere doch von sich aus merken muss. Daran scheitern Beziehungen und daraus entstehen Kriege. Wenn man miteinander redet, begibt man sich zwar in Gefahr, das Gesagtes falsch verstanden werden könnte, aber WENN man schon miteinander redet, dann kann man sich ja auch vergewissern, dass man richtig verstanden wurde und damit hat man jede Menge Konfliktpotential ausgeräumt.

Gruß

Librum


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mi, 1.4.09 10:27 
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Registriert: Mo, 7.11.05 13:55
Beiträge: 393
@Librum:
Ja, aber das ist ja dann nichts Unausgesprochenes (wobei auch daran
viel scheitert - gerade in Ehen, in denen die Partner nur noch nebenein-
ander her leben), sondern etwas falsch bzw. gar nicht Verstandenes.
Daß das extrem zunimmt, ja, das weiß ich auch - eine Kollegin hat mal
erzählt, daß sie in der Grundschule ihrer Kinder so Vorlesestunden ge-
macht haben. Es wurde immer so fünf Minuten lang vorgelesen und
dann sollten die Kindern in eigenen Worten nacherzählen, was sie soeben
gehört haben - absolute Fehlanzeige !
(Wahnsinn eigentlich....solche Übungen kenn ich auch noch aus meiner
Kinderzeit, regelmäßig nacherzählen, jeden Morgen eine Viertelstunde
Kopfrechnen und jeden Morgen ein Diktat - aber wir hatten auch eine
richtig gute Lehrerin alter Schule....)


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 Betreff des Beitrags: Re: "Im Rhythmus der Stille"
BeitragVerfasst: Mi, 1.4.09 11:17 
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Registriert: Mi, 11.3.09 12:34
Beiträge: 6
Ja, das Problem liegt zweifelsohne zum größten Teil daran, wie Schule heutzutage praktiziert wird. Dass z.B. das mittlerweile so verpönte Auswendiglernen von Gedichten oder anderer Texte nicht nur einfach was mit Kadergehorsam zu tun hat, sondern so ganz nebenbei das Gedächtnis, die Aufnahmefähigkeit und die Aufmerksamkeit schult, ist den "Schulweisen" entgangen, die allzugerne und allzuschnell alte Methoden verwerfen... ohne dabei funktionierende Alternativen anzubieten.
Freilich ist Schule ein dynamisches System, das ständig an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden muss - um so unverständlicher, dass man hier in Deutschland seit 20 Jahren sehenden Auges aber verstockten Sinnes ins Unglück rennt und jetzt seit etwa 2 Jahren in hysterische Hyperaktivität verfällt und allerorten eigene Süppchen kocht, anstatt vielleicht mal den deutschen Hochmut beiseite zu lassen und in unseren Nachbarländern zu schauen, was funktioniert und was nicht und weshalb dem so ist...


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