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BeitragVerfasst: Mo, 8.11.04 22:00 
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Wohnort: Markgröningen
Ich habe einmal eine Frage: Was haltet Ihr von den vielen neuen Begriffen im Zusammenhang mit "Behinderung"?


Ich habe Lehramt an Sonderschulen (Körper- und Geistigbehindertenpädagogik) studiert. In diesem Studium bin ich ständig mit neuen Begriffen konfrontiert wurden. Teilweise haben sie sich sogar während der Studienzeit geändert.

Z.B.: Prinzipiell gibt es jetzt keine "Behinderten" mehr, sondern nur noch "Menschen mit Behinderungen". Der Begriff "Mensch" soll im Vordergrund stehen.

Im Fach Geistigbehindertenpädagogik wird man fast standrechtlich erschossen, wenn man sich nicht genau an die neuen Begriffe hält.
In Bayern heißen z.B. die ehemaligen "Schulen für Geistigbehinderte" jetzt "Schulen zur individuellen Lebensbewältigung". Diesen Begriff möchte man in Baden-Württemberg auch gerne übernehmen. Am besten spricht man sowieso von "Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen", weil "geistigbehindert" auch veraltet ist.

Einige von diesen neuen Begrifflichkeiten finde ich aber einfach übertrieben und unpassend!

Besonders seltsam finde ich diese Evolution:
"Verhaltensgestört" -> "Verhaltensauffällig" -> "Verhaltenskreativ"


Ich weiß natürlich, dass sich Menschen mit Hörbeeinträchtigungen normalerweise nicht als "behindert" bezeichnen. Dennoch blieb auch diese Gruppe nicht von Begriffsänderungen verschont.
"Gehörlos", "schwerhörig", und "spätertaubt" sind aktuelle Begriffe, die ich sehr gut finde! Aber sie werden sich sicher bald wieder ändern.
Die alte Gebärde für "taubstumm" ist ja schließlich geblieben und wird auch akzeptiert.


Was halte Ihr von neuen, "beschönigenden" Begriffen?
1. bei Behinderung allgemein?
2. bei Hörschädigungen?



Noch eine zweite Frage: habt Ihr ein Problem, wenn jemand sagt:
"Hast Du schon gehört ..." oder "Hör mir mal zu"?

In der Uni hat man uns beigebracht "sensibel" auf die Ausdrucksweise zu achten (bloß nix falsches sagen!). Ich sage trotzdem immer zu meinem blinden Vater "Wann sehen wir uns wieder?" und eine gute Freundin (gl) spricht immer davon, dass sie von irgendwas schon einmal gehört hat.
Machen wir uns also zu viele Gedanken an der Pädagogischen Hochschule?


Viele Grüße

_________________
Frei nach Cato: Ceterum censeo Oralismus esse delendam!


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BeitragVerfasst: Di, 9.11.04 9:55 
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Beiträge: 1623
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Hi,
diese Beschönigungen hat ja kommen müssen, weil kaum einer sich damit abfinden will, mit "behindert" als ein "defektes Wesen" angesehen will. Das Problem ist der Umgang von Menschen mit dem Wort "Behinderung".
Mir wäre lieber dass man sich auf Taub konzentriert hätte und den Wortglied "stumm" ausgelassen hätte, statt den "gehörlos" zu verbreiten.

Zitat:
"Hast Du schon gehört ..." oder "Hör mir mal zu"?

Zwar ist es richtig, dass es vermieden werden sollte, aber darüber braucht man ironisch gesehen eigentlich keine Gedanken machen, die Gehörlosen selbst sagen das auch immer.
Die Gehlörlosen machen dann die Bemerkung "Sagen doch alle so". Jaja.
Ich zum Beispiel machs nicht selten mit Sakrasmus indem ich sage "ich habe gehört, dass.." und wenn man mich ernst nimmt, ist der selber schuld, weil ich ja nicht hören kann und damit was ich "gehört habe" eigentlich nichts ist.
Hören ist sogar mancheiner gehörlose heilig :roll:

Soviel meine Meinung.
lg deafmax

_________________
Gehörlos sein ist Leben.


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BeitragVerfasst: Do, 18.11.04 9:40 
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Beiträge: 95
Wohnort: Schleswig-Holstein
Hi Phillipus

ich bin Sozialpädagogin und arbeite mit behinderten Menschen.
Imgrundegenommen (schreibt man das zusammen?) finde ich die stärkere Betonung auf "Mensch" gut,da ich selbst als Hörgeschädigte nicht nur das allein bin,sondern eben auch vielschichtig als Mensch.
Meine Freunde und Familie mögen mich so wie ich bin und da wird gar nicht mehr so auf die Behinderung geachtet.Daher finde ich solche Formulierungen auch besser.

Verhaltenskreativ ist mir allerdinges neu,das ist mir als Wortschöpfung zu kreativ,lächel.Ebenso neu ist mir das mit menschen mit kogniriven Beeinträchtigungen,finde ich plausibel,werd mal meine Kollegen fragen ,ob die diese Bezeichnung kennen.

Zu sehr etwas beschönigen,wie z.b mit dem verhaltenskreativ davon halte ich nichts,denn mit Wahrheiten und Situationen muss man (irgendwie)leben können.

Aber vorsichtig sein mit Wörten wie "hören"bei Hörgeschädigten und "sehen" bei Blinden empfinde ich nicht so schlimm,sonst verkrampft man sich nur vor lauter Vorsichtigkeit und kann nicht mehr authentisch gegenüber dem anderen sein.

Ich finde,jeder kann und soll selbst entscheiden,wie er sich mit seinen Einschränkungen/Behinderungen als Mensch definiert.Gut ist jedoch,dass die ganz alten Begriffe neu überdacht werden,so steht die Behinderung nicht mehr so diskriminierend oder als Fingerzeig im Vordergrund!

Das ist meine ganz sibjektive Meinung hierzu,
greetz,die Taffe

_________________
Carpe diem.


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BeitragVerfasst: Mi, 1.12.04 20:19 
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Registriert: Mi, 1.12.04 12:37
Beiträge: 4
ich kenn "verhaltensorginell"...
und bei menschen mit geistiger behinderung hab ich auch schon die alternative :"menschen mit lernschwierigkeiten" gehört...
naja , ich denk mal , daß es zwar gut ist , daß schon von der begrifflichkeit her der mensch im vordergrund steht , aber letztendlich kommt es eher auf die einstellung an!!!
wenn man menschen so akzeptiert , wie sie sind , kommt es auch nicht darauf an , wie man ihre behinderung nennt....
und es nutzt nichts , wenn man zwar "mensch mit behinderung " sagt , ihn aber trotzdem diskriminiert!


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BeitragVerfasst: So, 19.12.04 17:37 
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Beiträge: 42
Wohnort: Stuttgart
Hallo Phillipus,

tja, ein heikles Thema.
Eine genaue Definition gab die WHO heraus. Ab wann wird z.B. von "Krankheit" oder "Behinderung" gesprochen.
Diese Definitionen haben den Sinn, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt dasselbe meinen. Es wäre ein katastrophaler Zustand, wenn jeder in einem Artikel, Buch etc. eine andere Begriffsverwendung hätte.
Zudem hat diese "Art der Einteilung" auch rechtliche Gründe, was Unterstützungsmaßnahmen (und damit verbunden finanzielle Unterstützung) angeht.

Ob diese Einteilung immer das Lebensgefühl widerspiegelt, das ist eine ganz andere Frage.

Prinzipiell halte ich es für sinnvoll, den Menschen und nicht die Behinderung in den Vordergrund zu stellen. Wichtiger als die Worte ist aber der Umgang. Ich habe schon Einrichtungen erlebt, wo von "Klienten" und "Menschen mit besonders schönen Bedürfnissen" gesprochen ist. Behandelt wurden sie aber nicht so. Was nützt es einem Menschen, wenn er schön betitelt wird, man ihn aber trotzdem spüren lässt, dass er der "Behinderte" ist? Siehe Kommentar von badnerin27.

Ich bin zwar selber nicht gl, aber auch ich frage manchmal "Hast schon gehört...?" Bisher hat sich noch keiner beschwert. Kommt aber sicher auch darauf an, WIE man es rüberbringt.

Ich glaube allerdings, dass an den Unis zuviel theoretischer Umgang und Schonung der "armen Menschen mit besonderen Bedürfnissen" gepredigt wird. Ich kenne viele Menschen, die irgendwelche Behinderungen haben (Sinnes oder Körper), aber alle wollen MENSCHLICH behandelt werden und dazu gehört auch, dass ich nicht JEDES Wort auf die Goldwaage lege.

Eine kleine Überlegung: Zu sogenannten Nicht-Behinderten sag ich auch "Depp", wenn er mich gerade aufregt. Darf ich das einem Rollifahrer nicht sagen oder einem Gl gebärden, nur weil er eine Behinderung hat? In der Uni wurde mir erklärt, dass das besonders didkriminierend sei. Meine Freunde sehen das anders...

Liebe Grüße
Caroline


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BeitragVerfasst: So, 19.12.04 20:08 
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Wohnort: Arlington, MA - USA
@Phillipus,
Manche Umschreibungen sind legitimär (= in Ordnung, passend). Manche sind nur unnötige Euphemismen. Ich erkenne den amerikanischen Ursprung hinter den Beispielen, die du angibst. Sie sind einfach direkte Übersetzungen, wie man vor zehn bis zwanzig Jahren in den USA mit den Worten "disabled" und "challenged" (= herausgefordert) umgeht. Das Wort "challenged" war OK in der Wendung "physically challenged". Aber die Verwendung des Wortes weitet sich aus zu "mentally challended", "ambulatory challenged", "visually challenged" und sogar auf uns als "auditorilly challenged". Wir benutzen diese Wendung nie. Blinde gebrauchen auch nie "visually challenged". Da dieses Wort zu Spott wurde, dauert es nicht lange, dass die Mode dieses Wortes zu Ende geht. Man solle sich daher hüten, unsinnige Euphemismen zu verwenden. Ich sehe voraus, dass "verhaltenskreativ" als Bezeichnung für eine Gruppe unsinig wird.

Die Wendung "Menschen mit Behinderungen" ist an sich nicht besser als "behinderte Menschen". In beiden steht "Mensch" noch im Vordergrund, vielleicht mehr in der zweiten als in der ersten Schreibung. Sprachlich ist das Substantiv immer im Vordergrund als das vorhergehende Adjektiv. Der Vorwurf, dass eine Körperschädigung sprachlich im Vordergrund stehen könne, kann nur im substantivierten Adjektiv liegen, also in "Behinderte".

Leider sind viele sprachlich träge. Statt neues Gedankengut einzunehmen, wurden alte Vorstellungen nur mit neuen Wörtern umgekleidet. Was früher mit "…geschädigt" bezeichnet wird, wird heute leider nur beschönigend mit "… behindert" umschrieben, auch in der englischen Sprache, in der Glaube, politisch korrekt zu sein. Eigentlich sollten der Begriff "behindert" und dessen Nomen "Behinderung" nur die Barrieren, Erschwernisse, Benachteiligungen, Vorurteile und andere Formen von Diskriminierungen betreffen, nicht die anatomischen Abweichungen vom Norm. Der Begriff "Behinderung" fasst alle diese zusammen und wurde von der Behindertenbewegung zwecks deren Behebung eingeführt. Er soll nur in diesem Zusammenhang verstanden werden, nicht als euphemistischer Ersatz von "…geschaedigt" oder von "blind", "taub" usw. Damit wird auch zugleich ausgedrückt, dass die körperlichen Andersartigkeiten nicht behindernd sind, sondern die von aussen gestellten Behinderungen. So sind Bezeichnungen "hörbehindert", "sehbehindert", "gehbehindert", "geistigbehindert" und ähnliches nicht richtig, weil sie defektorientiert sind und das Wort "behindert" zurück zur alten Bedeutung von "geschädigt" bringt. Mit solchen Ausdrücken, die auf verminderte Fähigkeiten hinweisen, werden diese behindernd gemacht, das ist, als Behinderung dargestellt. Man soll nur einfach "behindert" benutzen und zwar im Zusammenhang von Behinderungen, die behebt werden mussten. Die auf Person bezogende Substantivierung "Behinderte" bedeutet eher "Benachteiligte".

Wir taube Menschen verwenden das Wort "taub" unvermindert. Blinde auch das Wort "blind". Wir benutzen auch das Wort "gehörlos" synonymisch mit "taub". Aber ich ziehe das Wort "taub" vor. Während "gehörlos" wörtlich "ohne Gehör" ausdrückt, also die Hörfähigkeit betont, bezeichnet "taub" die Identität als zugehörig zu einer sprachlichen Minderheit und zur Taubseinskultur mit Gebärdensprache als kulturelles Element. Ausserdem hat das Wort "gehörlos" einen unfreundlichen geschichtlichen Ursprung. "Gehörlos" und "taub" entsprechen parallel dem englischen "deaf" und "Deaf". Das Wort "taub" wird in diesem Gebrauch ethnifiziert (= zu einer Volksgruppe betreffend gemacht) und die Hörfähigkeit in den Hintergrund geschoben. Das Wort "hörgeschädigt" und auch "hörbehindert" werden zumeist von uns ungern gebraucht, wie in den USA auch mit "hearing impaired" und "hearing disabled", weil sie die Hörunfähigkeit wieder in den Vordergrund bringen.

Deutsche Verben "sprechen", "sagen", "hören", "schweigen" u.a. gebrauchen wir ohne Bedenken im erweiterten Sinne auch auf den Gebrauch von nicht-oralen Mitteln. Blinde haben auch nichts gegen das Verb "sehen" und benutzen es auch sinnerweiternd, wie mir Blinde versicherten.

Problematisch sind aber andere Begriffe, wie Integration, Rehabilitation, verbal, nonverbal, normal, Heilpädagogik, Sprache usw. Sie werden audistisch angewandt.

Hartmut


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BeitragVerfasst: Di, 1.3.05 14:25 
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Beiträge: 37
Wohnort: Frankreich
da Jasmin das thema nun hochgescrollt hat - einige gedanken, die mir hierzu noch eingefallen sind:

im französischen will die "political correctness" heute, dass man statt un handicapé (ein behindeter) lieber une personne en situation de handicap (also soviel wie "eine durch die umstände behinderte person") sagt. das ist aber viel zu lang. trotzdem finde ich es gut gedacht, denn schliesslich entstehen die schwierigkeiten ja erst wenn UT oder lichtsignale, fahrstühle oder griffe an der toilette, usw. fehlen.

tja, und wenn man ausserdem noch bedenkt, woher "handicap" eigentlich kommt... :wink:

HANDICAP: aus dem englischen hand in cap (hand im hut), ursprünglich ein tauschspiel, dass im 16. Jh. in GB gespielt wurde. jeder legte einen gegenstand, den er besaß, in einen hut, wobei ein schiedsrichter darauf acht zu geben hatte, dass alle tauschgegenstände von gleichem wert waren.
später braucht man das wort dann im zusammenhang mit manchen sportarten (insbesondere pferdesport), in denen den besten wettkämpfern zusätzliche hindernisse in den weg gelegt werden, damit die chancengleichheit größer ist.


...ob behinderungen also vielleicht "die besseren" unter uns kennzeichnen sollen? :wink:

jedenfalls gewinnt man oft daran, den anderen kennen zu lernen - und der erste schritt ist doch im grunde nichts anderes als ein (kinder)spiel!


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