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BeitragVerfasst: Di, 10.8.04 11:54 
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Zusammen mit einer Freundin habe ich mal einige Fragen, die Hörende mir immer wieder stellen gesammelt, und eine Liste gemacht, die irgendwann mal für www.spaetertaubt.de gedacht ist.

Leider ist diese Liste noch nicht sehr umfangreich, wenn jemand von meinen fellow lossies noch andere Fragen die in diese FAQ-Sammlung passen könnte gestellt bekommen hat, oder akkuratere Antworten - besonders was die "Prozent-Fragen" angeht - als ich parat hat, könnt ihr sie ja hier posten. Ich habe die Antworten bewusst kurz formuliert. Wenn man das so liest, könnte das ja zum Dialog einladen (oder auch nicht).

Weil ich nicht mehr allzu lange online bin (1.9. ist vorerst endgültig schluss), könnt ihr wenn euch noch was einfällt was ihr hier nicht posten könnt oder wollt ja Bernd anmailen, der freut sich bestimmt über noch ein bisschen Hilfe.

Untenan die Fragen, die ich schon zusammen getragen habe.


Ava



Werden mehr Menschen taub geboren, oder werden mehr Leute durch Unfälle oder ähnliches taub?

Meines Wissens nach gibt es mehr Gehörlose (das bedeutet von Geburt an taube Personen), als Ertaubte.

Wenn Personen die nichts hören können sich als „gehörlos“ bezeichnen, bedeutet „taub“ dann das gleiche wie „schwerhörig“?

Nein. „Taub“ bedeutet nichts hören zu können.

Wie verändert eine verringerte Hörfähigkeit die Weltsicht, den Tagesablauf, das Leben?

Diese Frage sollte jeder Betroffene selbst beantworten. Es gibt teils gravierende Unterschiede. Ist die Hörfähigkeit wie in der Fragestellung „verringert“ mag es sein, dass der Betroffene ein Hörgerät bekommt und dann weiterleben kann wie zuvor. Bei stark verringerter Hörfähigkeit und Ertaubung kommen Probleme wie Kommunikation – man muss eventuell Absehen und die eine oder andere Form von Gebärden lernen -, eventuelle Unfähigkeit für seinen gelernten Beruf, und dadurch natürlich auch eine generelle Lebensumstellung in mehr oder weniger großen Umfang auf. Plötzlich oder mit der Zeit weniger oder nichts mehr zu hören bedeutet in gewissem Sinne von seiner alten Welt abgeschnitten zu sein, man fühlt sich mitunter ausgeschlossen und abhängig, da man eventuell oft die Begleitung einer hörenden Person oder eines Dolmetschers zu Terminen etc braucht, Untertitel im Fernsehen benötigt und vertraute Dinge wie der Straßenverkehr nun still oder sehr leise erscheinen.

Wie viel Prozent der Betroffenen können „geheilt“ werden?

Bei intaktem Hörnerv gibt es die Möglichkeit ein sogenanntes Cochlea Implant (CI), eine Art im-Kopf-Hörgerät, einzusetzen, vielen Betroffenen hilft es, auch wenn das Hören mit CI sich vom normalen Hören unterscheidet. Wie viel Prozent der von Ertaubung betroffenen Leute eins oder sogar zwei haben können wir prozentual nicht sagen.

Wie erlebt man Kultur, wenn man nicht hören kann?

Die von Geburt an Gehörlosen haben aufgrund ihrer Geschichte und der Gebärdensprache eine eigene Kultur entwickelt, in der es ebenso bunt zugeht wie in der Hörenden. Manchmal finden Ertaubte und Schwerhörige in dieser Kultur ihr neues Zuhause, auch wenn dieses Zuhause nicht auf sie zukommt, und sie den Zugang selbst finden müssen. An der hörenden Kultur teilzunehmen wird teils durch Gebärdensprachdolmetscher – etwa bei Vorträgen oder Museumsführungen – möglich.

Man hat mir erzählt, nur wenige Gehörlose und Ertaubte hören gar nichts. Wenn sie wirklich noch in irgendeiner Art hören, wie ist das dann?

Es gibt Gehörlose und Ertaubte die ab einer bestimmten, für den Hörenden hohen, Lautstärke Geräusche entweder wahrnehmen oder sogar identifizieren können. Wie und ab welche Lautstärke ist von Fall zu Fall verschieden. Deshalb gibt es auch Personen die praktisch gehörlos oder ertaubt sind und trotzdem Hörgeräte tragen Der Nutzen dieser Geräte ist unterschiedlich. Manchen bringen sie nichts. Etwas das Hörende häufig als „hören“ interpretieren ist die Fähigkeit Vibrationen zu fühlen, sei es das eine Tür laut geschlossen wird, jemand über einen nahen Holz- oder Laminatfußboden geht, Wasser im Topf kocht, Vibrationen von lauter Musik, oder das Fallen eines Gegenstandes.

Verliert man als Ertaubter die Erinnerung an den Klang der Lautsprache?

Das ist wahrscheinlich unterschiedlich. Aber es gibt durchaus Spätertaubte, die nach längerer Zeit der Taubheit davon berichten, nicht mehr zu wissen wie etwas genau klingt.

Man hat mir erzählt viele Spätertaubte Menschen hätten Tinitus...

Das kommt daher, dass im Gehirn die fürs Hören zuständigen Areale ausgebildet sind. Bei Spätertaubung haben sie jedoch keinen Reiz mehr und deshalb können Tinitus entwickeln. Etwa wie Phantomschmerz bei einer amputierten Gliedmaße.

Wird man als Ertaubter irgendwann stumm?

Nein. Es mag sein, dass man je nachdem wie man sein Leben und die Kommunikation darin ausrichtet weniger spricht, weil man beispielsweise bei gebärdensprachlicher Kommunikation nicht spricht. Außerdem verändert sich im Laufe der Taubheit das akustische Sprachbild, da man es selbst durch den Hörverlust nicht mehr kontrollieren kann.

Wenn eine ertaubte Person ihren alten Beruf aufgeben muss, welche Berufszweige stehen ihr überhaupt noch offen?

Bildungswerke- und Träger spezialisieren sich vorwiegend auf handwerklich-technische Berufsfelder. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten im Büro- oder Sozialbereich.


------edit------
patrickcooly: thread auf wichtig gesetzt, da es meiner meinung nach ein wichtiges thema ist...

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BeitragVerfasst: Di, 10.8.04 21:26 
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@AVA, entschuldige, aber ich war bisher immer der Meinung, dass es mehr Ertaubte (durch Krankheit gibt) als durch Geburt oder Unfälle. Die Taubgeborenen machen einen kleineren Prozentsatz aus. Das sagte bisher jede Statistik aus.


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BeitragVerfasst: Mi, 11.8.04 8:34 
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@Ava: Zunächst einmal: Toll! Guter Anfang!

Auerhahn sprach schon an, dass Frage 1 (mehr taub geboren oder mehr durch Unfall/Krankheit ertaubt) vielleicht nicht ganz korrekt beantwortet ist. Ich kenne leider keine der Statistiken, die Auerhahn erwähnt und die, die ich kenne, läßt nicht genau erkennen, wann und warum jemand ertaubt ist. Was mich skeptisch macht, ist ein eher probalistisches Argument: Die Chance, dass in den ersten - sagen wir - 4 Jahren des Lebens das Gehör kaputt geht scheint mir geringer als die Chance, dass es in den (durchschnittlich) restlichen 71 Jahren eines Leben zerstört wird. Klar, Kinder sind anfälliger, aber ab einem Alter von 4 oder 5 muß man Kinder, die ertaubten letztlich zur Gruppe der perlingual ertaubten (während des Spracherwerbs) zählen, und nicht mehr zur Gruppe der prälingual (vor dem Spracherwerb). Letztere werden sich letztlich als "Gehörlose" bezeichnen - auch im Sinne der Zugehörigkeit zu einer Kultur- oder Sprachgemeinschaft.

Und damit komme ich zu einem Punkt, der in meinen Augen in dieser Zusammenstellung fehlt oder zumindest nicht deutlich wird, wobei ich gestehen muß, dass ich auch nicht wüßte, wie ich's formuliert hätte, denn es ist sehr, sehr schwierig. Es tangiert letztlich Frage 2 (Wenn Personen die nichts hören können sich als „gehörlos“ bezeichnen, bedeutet „taub“ dann das gleiche wie „schwerhörig“?), aber auch Frage 3 und 4 und betrifft das Problem, zwischen Gehörlosen und Spätertaubten zu differenzieren, was Du in Frage 4 mit der Formulierung
Zitat:
Die von Geburt an Gehörlosen haben aufgrund ihrer Geschichte und der Gebärdensprache eine eigene Kultur entwickelt, in der es ebenso bunt zugeht wie in der Hörenden. Manchmal finden Ertaubte und Schwerhörige in dieser Kultur ihr neues Zuhause, auch wenn dieses Zuhause nicht auf sie zukommt, und sie den Zugang selbst finden müssen
andeutest. Zunächst einmal möchte ich dazu sagen, dass der "Haufen" an Spätertaubten, den ich inzwischen kennengelernt habe, auch ziemlich bunt ist und größten Teils auch aktiv am kulturellen Leben teilnimmt. Klar, Konzertbesuche sind nicht mehr drin, aber man sollte nicht glauben, was noch alles möglich ist!

So weit erst einmal

Pnin


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BeitragVerfasst: Mi, 11.8.04 10:07 
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In Österreich gibt das Statische Zentralamt - ich glaube - alle zehn Jahre ein Handbuch heraus, in welchem die Bevölkerung nach Geschlecht, Religion, Behinderung ec.etc.erfaßt ist. Davor läuft eine Fragebogenaktion und das Handbuch würde heute ca 100.-- Euro kosten und ist für jedermann käuflich. Ich habe es leider für einen guten Zweck aus der Hand gegeben und kann nicht mehr nachschlagen.

Ich erinnere mich aber an die Aufschlüsselung: einseitig, beidseitig taub, in welchem Alter ertaubt, taub geboren, taub durch Unfall, infolg Alter etc.etc. Da es amtlich ist, denke ich, ist es sicher auch glaubwürdig. Vielleicht arbeitet man heute anders, nicht mehr mit Fragebogen sondern verläßt sich auf andere Unterlagen.

Die von Geburt an tauben Personen sind als eine kleine Gruppe
angeführt. In diesem Handbuch sind alle Gruppen von Behinderung aufgezählt. Fehlen der Arme, der Beine, Sonstige Behinderungen etc.etc.


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BeitragVerfasst: Mi, 11.8.04 11:51 
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@Auerhahn:

Kein Problem. Ich selbst kenne keine Statisken als solches über Taubheit, wenn du also welche kennst und es deshalb besser weißt als ich: SUPER! :) Vielleicht hast du ja Lust eine neue Antwort auf Frage 1 zu formulieren. Ich denke ohnehin, dass es schön wäre wenn verschiedene Ertaubte die Fragen beantworten, eben auch aufgrund des unterschiedlichen Wissenstandes.

@Pnin: Wenn dir andere Antworten, oder ausführlichere, einfallen, kannst du sie ja formulieren. :wink: Ich habe Bernd mein Word.doc geschickt, und ihm auch gesagt, dass man da noch was ändern zufügen oder was auch immer kann. Du kannst auch eine neue Frage zufügen wenn dir etwas für den Zusammenhang den du ansprichst einfällt. Ich habe bis jetzt nur Fragen dabei, die mir wirklich gestellt worden sind.


Ava

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BeitragVerfasst: Fr, 14.1.05 21:49 
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