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BeitragVerfasst: Mi, 14.7.04 21:19 
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Hi erst mal an alle, die so fleißig an diesem Thread weitergeschrieben haben. Der Thread ist, wie ich finde, höchst interessant, aber dass er so großen Anklang findet, hätte ich beim besten Willen nicht gedacht.

Gleich anschließend will ich mich auch noch entschuldigen, dass ich hier gar nichts mehr dazu beigetragen habe. Ich habe auch meinen Roman erst mal zurückgestellt, weil ich der Ansicht bin, ich sollte wenigstens ein paar Gehörlose, Schwerhörige oder so persönlich kennen lernen, ehe ich solch einen Roman schreibe. Ich bin derzeit an einem anderen Roman, der nichts mit Gehörlosigkeit zu tun hat. Ich kann allerdings soviel sagen: mein Roman mit Danny soll nicht verfallen. Ich will diesen Roman wirklich einmal fertig schreiben, doch vorerst wird daraus wohl erst mal nichts. Ava, keine sorge, ich bin und war dir nie böse, weil du mir ja quasi nur gesagt hast, wie die Dinge stehen. Darum habe ich ja auch gebeten. Jetzt ist mir dadurch zwar klarer geworden, dass ich den Roman SO einfach nicht schreiben kann, aber letztlich will ich ja einen realistischen und guten Roman schaffen, also sollte er auch so sein, wie es in Wirklichkeit wäre. Ich muss wohl ein neues Konzept machen, wenn es so weit ist. Aber das ist es mir ja wert.
Also Ava, wirklich, mach dir keine Sorgen oder Gedanken, ich fand es nur toll, wie gut du mir geholfen hast.
Und PS an Ava: danke für deinen Gästebucheintrag. Das fand ich wirklich sehr toll :-) danke :-)

An Bringa: also was deine Kurzgeschichte angeht, die hört sich für meinen Geschmack auch sehr spannend an, sehr interessant. Ich denke auch, die englische Sprache ist sehr viel metaphorischer, sehr viel bildlicher geschrieben. Ich persönlich bevorzuge trotzdem die deutsche Sprache, einfach weil ich für alles, was etwas komplizierter ist, zu faul bin. Und ich denke auch, dass ich inzwischen sehr gut deutsch schreiben kann.... naja... das sollte sowieso jeder für sich selbst entscheiden.

Also dann wünsche ich euch noch nen schönen Abend... machts alle gut und bye bye

lg Phineas


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BeitragVerfasst: Do, 15.7.04 21:05 
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Bringa, OK, Du willst anspruchsvolle Storys schreiben.
Daran ist in Deutschland Mangel.
In Englisch gibt es da sehr viele.
Ich zweifle nicht an Deiner Schreibkunst.
Im Gegenteil, ich hoffe immer, in Deutschland
tauchen auch mal so brillante Autorinnen auf wie
im englischen Sprachraum.
Darum finde ich es schade, das Du Deine Story nicht
in deutsch schreiben willst.


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BeitragVerfasst: Sa, 17.7.04 2:20 
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Tja, das hat mit wollen nichts zu tun, ehrlich. Ich KANN nicht auf deutsch schreiben, zumindest nicht gut. Ich verlange jetzt nicht, dass das irgend jemand versteht. Ist einfach so. Mein Deutsch klingt nicht gut, im Kontext von Prosa. Ich bin einfach nicht glücklich damit.

EDIT: Oh eine schnelle Frage noch: Gibt es im Englischen ein direktes Verb für 'gebärden'? Ich kann das schon ausdrücken, nur wenn es eine eins zu eins Entsprechung gäbe, wäre das doch sehr viel eleganter.


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BeitragVerfasst: Sa, 17.7.04 13:39 
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Bringa, das gibt es: to sign. (Wundert mich eigentlich, daß du das nicht kennst... ;-))

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What do you get when you cross an insomniac, a dyslexic, and an agnostic?

Someone who stays up all night pondering the existence of Dog.


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BeitragVerfasst: Do, 5.8.04 13:16 
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Ha, juhu. Ich bin noch mal da. Mein Internetzugriff ist doch sehr geschrumpft, deshalb jetzt erst...

Okay, der ist @Bringa

(auch wenn es dir jetzt wegen der von dir erwähnten Deadline auch nichts mehr nützt, aber vielleicht einfach des Informationsgehalts wegen... oder so).

Dein Dank an mich ist etwa so berechtigt wie der den ich Hörenden zolle/gebe, sprechen sie für meine Recherchen aus ihrem Leben oder versuchen mir Töne zu erklären – nämlich gar nicht. Mag sein ich bin exzentrisch, aber ich wüsste nicht wofür du mir danken solltest. Ich erkläre so vielen Menschen meine Taubheit, dass es für mich schon selbstverständlich ist. Und ja, wenn man im realen Leben immer wieder auf dieselben Fragen trifft oder dasselbe Unverständnis (ich falle nicht zwingend auf, eine Reihe von Menschen halten mich einfach nur für ausländisch statt taub wenn sie mich sprechen hören) ist es irgendwann etwas nervig, aber mir persönlich ist es lieber, die Menschen fragen. Online wie Offline. Die Toleranz für Menschen mit irgendeiner Form von Behinderung wird in unserer Gesellschaft nicht größer sondern kleiner, und wenn du toleriert werden willst musst du auch tolerieren. (Wenn es dich wundert weshalb ich nicht von akzeptieren sprechen: Bevor ich entscheide, ob ich etwas toleriere, muss ich akzeptieren, dass es da ist, ob ich es mag oder nicht. Niemand muss mir recht geben, so sehe ich es.)

Ja, ja, das war ich mit dem Realismus des Ertaubtseins. Für mich bedeutet das, ich muss einer Leserschaft, die glaubt Ertaubte und Gehörlose führen dasselbe Leben klarmachen, warum „wir“ – die Ertaubten - in den meisten Fällen anders sind. (Gilt nicht nur für Leserschaft: Erkläre deiner Nachbarin mal wieso dein geburtsgehörloser Besuch mit den Fuß trampelt – Vibration auf Laminat -, du als Spätertaubter aber versuchst, das was du dir vom Text in Erinnerung rufen kannst in irgendeiner Form zu singen. Warum du Geigenunterricht nimmst, sprechen kannst...) Wenn man in meiner Position – für einen Hörenden wird es anders sein – gehörloses Leben erklärt, ist es relativ einfach. Aber die Leserschaft versteht nicht warum du deine hörenden Jahre oft nicht wegwirfst. Ich habe hörend zu Musik geschrieben, je nachdem wie es mir geht schreibe ich taub zu Musik. Ich habe ertaubt angefangen Geige zu spielen, für meine Rhythmik. Trommeln täte es vielleicht besser, aber wenn du die Geige auf der Schulter hast vibriert das Ding auch. Kleiner Abstecher – egal.

Realismus ist ein wichtiger Faktor für den Autor. Meiner Meinung nachmuss der Leser Charaktere sich vorstellen können, ich versuche sie so zu schreiben, dass die Menschen den Eindruck haben genau diese Person könnte der Fremde sein der ihnen in 5 Minuten auf der anderen Straßenseite entgegen kommt. Weil ich eine bestimmte Form der Charaktere benutze und darauf abgestimmt ein bestimmtes Researchsystem funktioniert das häufig. Ich habe den Vorteil durch eine frühere Arbeit zu wissen wo und wie ich an die Menschen herankomme. Viel von dem was ich brauche hole ich aus persönlichen Gesprächen, manchmal nehme ich einen Gebärdensprachdolmetscher mit, manchmal ein Diktaphon (*was will sie denn damit schon wieder wenn sie nichts hört?* *g* Sie hat einen hörenden Sekretär!). Zu allen größeren Dingen die ich gemacht habe gehören mindestens 4 Ordner Research (wie heißt das auf Deutsch?), 2 davon meist mit Interviews oder ähnlichen Protokollen aus denen dann die „Grounded Theory“ gemacht wird. Dieses Verfahren heißt so, keine Ahnung ob es sich übersetzen lässt. Noch`n unwichtiger Abstecher, obwohl ich eigentlich nur den einen kurzen Satz gesagt haben wollte.

Das Kommunikationssystem auf das du im englischen Web gestoßen bist ist deiner Beschreibung nach ein Relay-Service. Auf der Taubenschlag-Startseite gibt es einen Link zu denen, die es hierzulande gibt. Dieses spezielle Gerät ist aber ein einfacher ICQ-Messenger – so kenne ich das -, es gibt diese Möglichkeit auch für das Schreibtelefon. Aber dieses Gerät besitzen nicht viele Menschen. Die meisten eher Fax oder Internet und SMS. Dann gibt es Bildtelefone, aber die hat nicht jeder. Für die Kommunikation damit gibt es auch eine Art Relay-Service via Gebärdendolmetscher. So wie du deine „Mutter“ beschrieben hast wird sie das aber nicht nutzen. Außerdem sind diese Services teuer. Ich selbst benutze sie nur wenn ein Hörender Geburtstag hat oder solche Anlässe halt.

Übrigens: ich kenne auch kein deutsches Wort für Plot-twist.

Nun einmal zu deiner Geschichte. Viel zu spät, ich weiß, und es ist ja auch egal. Nur so ein paar Cents, die mir dazu einfallen. Du musst nichts über- oder ernstnehmen, ich quatsche einfach mal drauflos.

Die Mutter ist 60. Das bedeutet sie wurde in den 30er Jahren geboren. Das würde realistischerweise auch bedeuten, dass sie zu dem ganzen eine etwas andere Einstellung hat – denke ich – als die Leute die du hier treffen wirst. Du weißt, auch Gehörlose waren Opfer der Euthanasie. Ist sie Akademikerin (ob sie das ist, ist übrigens ziemlich unrelevant dafür, ob sie Gebärdensprache lernt oder nicht) wird sie später zumindest von der Euthanasie als solches erfahren haben, über Gehörlose speziell glaube ich weniger. Damals nannte man Gehörlose nicht gehörlos sondern taubstumm (in Englisch benutzt man nur das Wort deaf für eine in Deutschland angesiedelte Geschichte eignet sich jedoch im den Kontext klarzustellen deafmute). Es gibt noch heute viele Menschen, die taubstumm sagen, unter anderem Ärzte. Diese Menschen sprechen auch von Taubstummensprache, Taubstummenschulen etc. Die Mutter wuchs auf in einer Zeit in der man in Deutschland behinderte Menschen versteckt hat (Nachkriegsdeutschland bis Conterganschock, und in der man es als Strafe empfand ein behindertes Kind zu bekommen), sie kann noch so liberal sein, das prägt. Das würde realistisch mit ein Grund sein für die Scham, die du ja richtig erkannt hast. Sie wäre ja plötzlich taubstumm und in der Sprache ihrer Generation damit dumm (diese „Erkenntnis“ leitet sich davon ab, dass in der oralen Gehörlosenerziehung Sachwissen erstmal nebensächlich ist, man legt Wert auf Sprechen und Artikulieren. Bis in die 70er war man sich auch nicht sich ob es so etwas wie Gebärdensprache wirklich gab, wenn meine Infos korrekt sind. Ich kenne Gehörlose – Eltern von Freunden – zwischen Jahrgang 46-60 mit denen du nicht einfach gebärden kannst.
Die Mutter ist ertaubt. Wenn sie sich schämt, wird sie alles tun um möglichst schnell gut ablesen zu lernen, in welcher Schnelligkeit sie es aufgrund ihres Alters schafft weiß ich nicht. In meinem allerersten Absehkurs saß eine mit 55 ertaubte Frau, die damals 61 war und von vornherein Kurse besucht hat. In diesen 6 Jahren konnte diese Frau ausschließlich das Mundbild ihres Ehemannes, der sie deshalb überall hin begleiten musste, lesen. Mit der Gebärdensprache konnte sie sich aufgrund der anderen Grammatik nicht anfreunden. Alles was sie bei anderen Personen absehen konnte war ihr eigener Vorname. Auch diese Frau war intelligent, aber Intelligenz sagt nichts über die Fähigkeit Absehen oder Gebärden zu lernen aus. (Und das die Tochter auch Akademikerin ist ist ebenfalls unwichtig für ihr eigenes Lernen der Gebärdensprache, eventuell führt das sogar eher zur Ablehnung dieser Sprache wegen der anderen Grammatik.)
Was für die Mutter auch schwer werden würde ist ihre frühere Jazzkarriere. Ich kenne jemanden der vor seiner Ertaubung Operngesang studiert hat (mittendrin Meningitis – Ton weg!), diese Person hat die ersten ertaubten Jahre in stationärer Behandlung verbracht, weil er sich immer wieder das Leben nehmen wollte. Dazu käme bei der Mutter ja der Überfall. Es wäre also realistisch auch psychologische Behandlung einzukalkulieren. Auch glaube ich, dass gerade eine Frau wie du sie beschreibst auch in ihrem Alter versuchen wird CI-Kandidatin zu werden.

Nun gut. Vielleicht kannst du ja irgendwann mal was damit anfangen.


Mal eine Gegenfrage: was macht es für einen hörenden Menschen interessant über einen der es nicht kann schreiben zu wollen? Ich habe lange Zeit Research laufen gehabt über Menschen mit Behinderungen in der Literatur und häufig hat man sich an die „Tauben“ nicht herangetraut. Das hängt sicherlich historisch zusammen, und ist wahrscheinlich für einen Hörenden so schwer darzustellen wie für einen Sehenden die Blinden schein-einfach sind. (Es gibt eine Studie über Jugendliteratur in der festgestellt wurde, dass Autoren bevorzugt entweder Blinde oder Geistigbehinderte darstellen – aus Geschwisterperspektive. Also an wirkliche Realität ist da auch nicht zu denken.)

Ava

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"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht" - Franz Kafka


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BeitragVerfasst: Do, 5.8.04 21:36 
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Ava, Du hast einen sehr guten Beitrag geschrieben.
Dein Beitrag ist nicht nur für dieses Thema gut,
sondern grundsätzlich für Menschen die taub oder
schwer hörbehindert sind.
Vieleicht könntest Du selbst eine Buch oder auch nur
einen Zeitungsartikel schreiben?
Wichtig ist, die Hörenden müssen mehr Informationen über Taubheit bekommen und besonders über die Unterschiede
zwischen den verschiedenen Hörbehinderten.
(Taubgeborene sind ganz anders als Spätertaubte
usw).


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BeitragVerfasst: Di, 10.8.04 11:36 
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@CharlyBrown:

Hab Dank für dein Lob! Ich bin auch der Meinung, dass die Spätertaubten sehr viel mehr Öffentlichkeitsarbeit brauchen. Ich warte immer noch auf eine geeignete Offlinegelegenheit, denn meine Onlinemöglichkeiten sind bescheiden.

An einen Zeitungsartikel würde ich mich durchaus heran trauen, an ein ganzes Buch nicht. Ich wüsste nicht wie ich das aufziehen sollte, biographieren ist nicht mein Ding (und wen denn?), obwohl ich es wahrscheinlich irgendwann mal mache.

@alle:


Ein gutes Beispiel dafür, dass auch "Leute vom Fach" glauben Spätertaubte und Gehörlose haben gefälligst dasselbe zu sein: Ich bekam gestern Einsicht in ein Gutachten das eine Institution die sich als auf Hörgeschädigte spezialisiert sieht über mich verfasst hat. Weil ich mich nicht verhalte wie eine Geburtsgehörlose (ich kann es einfach nicht!) wirft man mir vor meine - Zitat - "Hörschädigung nicht zu akzeptieren". Fand ich auch... Ich kann sie sehr gut akzeptieren und ich kann mich damit arrangieren, das bedeutet jedoch nicht, dass ich mein ganzes Leben deshalb über den Haufen geworfen hab.
Na ja, ist eine Einrichtung, in der man schon doof angeguckt wurde wenn man statt "Ich bin gehörlos" "Ich bin ertaubt" gebärdet hat.

Da müssen sie noch viel über Spätertaubte lernen. Beethoven hätte denen was anderes erzählt, wenn sie ihm sein Klavier weggenommen hätten.

Ava

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"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht" - Franz Kafka


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BeitragVerfasst: Di, 31.8.04 20:57 
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Hi Leute, vor allem hallo Ava,

ich finde, du schreibst wirklich ausgesprochen klar und es macht Spaß deine Beiträge zu lesen. Ich denke, es ist für mich als Hörender einfach dadurch so interessant geworden über Gehörlose "zu lernen, zu schreiben", weil ich wenigstens in der Behindertenwerkstätte etwas wichtiges für mein Leben gelernt habe. (PS an dieser Stelle: ich halte Gehörlosigkeit nicht für ne Behinderung an sich, behindert ist jeder, der in irgendeiner Form eine Einschränkung hat, also bin auch ich behindert, ich habe Kontaktlinsen und traue mich ohne diese oder ohne Brille gar nicht mehr raus, obwohl nur 3,0 und 3,25 dioptrin, bin kurzsichtig), Aber es war eine Frau aus der Behindertenwerkstätte, die mir wenigstens ein wenig die Augen geöffnet hat über Schein und Wirklichkeit. Diese Frau trägt den Anfangsbuchstaben S ihres Vornamens. Sie ist 40 Jahre alt, von Geburt an laut Akten geistig, aber auch körperlich behindert, darin ist sie so eingeschränkt, dass sie ausschließlich ihre rechte Hand einigermaßen eingeschränkt benutzen kann, die linke ist eher "unbrauchbar", geschweige denn von ihren Beinen zu sprechen. S. kann weder lesen, noch schreiben, noch rechnen. Sie hat daher oft mit anhören müssen, dass sie dumm sei, da geistig behindert, und in den Akten stand zwar nichts direkt von Dummheit, aber es wurde fachärztlich umschrieben. Tja, so siehts aus. Jeder, der S. nur von den Akten her kennt, wird kaum erwarten, dass sie einen gescheiten Satz zustande bringen könnte. Doch weit gefehlt. Ihre scheinbar so eingeschränkte Sicht der Dinge ist, das durfte ich feststellen, bei weitem größer als die manch hochrangiger Politiker unserer Gesellschaft. Sie hat nicht nur einen ausgesprochen großen Wortschatz, sie hat auch die Fähigkeit, Menschen zu verstehen, sie hat ein unglaublich großes Verständnis. Ich erzählte ihr einmal, dass ich schwul bin. Sie wurde erst kurz rot, lächelte dann aber und sagte schließlich: "Aha! Aber naja, das macht mir natürlich nichts aus. Jeder Mensch darf sein, wie er es für richtig hält."
Ich habe S. noch sehr viel anderes erzählt über mein Leben, habe ihr ne Geschichte vorgelesen, die nicht wenig anspruchsvoll war, aber sie hat alles nachvollziehen können.
Warum ich ausgerechnet S. hier erwähne? Tja, es ist für mich immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich doch Schein und Wirklichkeit sein können. Scheinbar ist S. geistig behindert. Doch in Wirklichkeit könnte sie in meinen Augen eine Lehrerin sein. Sie hat ausgesprochen viel zu erzählen, ist ein besonders interessanter Mensch und sie ist, davon bin ich überzeugt, nicht mehr geistig behindert als ich. Manchmal wusste ich ein Wort selbst nicht, jedoch S. kannte dessen Bedeutung! Wie kann so etwas sein, wenn sie geistig behindert ist? Und das, obwohl ihre Welt weit kleiner ist als meine, jedenfalls auf den ersten Eindruck hin: Schließlich fährt sie morgens mit dem E-Rolli (und nur mit einer Begleitperson - ohne wäre es schier unmöglich) den kurzen Weg zur Werkstätte, ihrem Arbeitsplatz und abends den selben Weg wieder zurück. Dann ist sie manchmal bei ihren Eltern und manchmal bei ihrer Schwester. Ich weiß nicht, wieviele Ausflüge man mit einer Frau wie S. machen kann, denn ihr E-Rolli muss immer mit dabei sein, oder wenigstens ein anderer Rolli. Aber umständlich ist es allemal, deswegen KANN ihre Welt nicht besonders groß sein. Dennoch versteht S so viel von der Welt, dass jemand wie ich nur staunen kann.

Jetzt komme ich aber zum Punkt: genau das ist es, weswegen ich als Hörender über Gehörlose schreiben will, eines Tages jedenfalls. Ich möchte einfach zeigen, dass es einfach nicht in Ordnung ist, jemanden in eine Schublade zu stecken. Egal, ob behindert, blind, gehörlos oder anderweitig "andersartig" Ich glaube auch inzwischen, dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen Gehörlosen, Ertaubten und Schwerhörigen gibt, aber vor allem Ertaubte spielen quasi eine besondere Rolle. Sie verlieren nicht nur ihren engeren Kontakt zu ihren hörenden Freunden, sondern auch gleichermaßen finden sie schlecht Anschluss zu den von Geburt an Gehörlosen oder Schwerhörigen.

Vielleicht begreifen die Menschen eines Tages ja auch, dass jeder für sich eine ganz eigene Welt hat, die ein Recht auf Akzeptanz und Toleranz hat. Die des gehörlosen ist nicht ausschließlich eine stille Welt, sie ist einfach eine andere Welt als die des hörenden... Aber auch zwischen hörenden und scheinbar "NICHT-BEHINDERTEN" Menschen herrschen unterschiedliche Welten.

KLeine Bemerkung am Rande: ich beschäftige mich besonders in letzter Zeit mit sog. KLarträumen, das sind Träume, in denen einem bewusst wird, dass man gerade träumt. Natürlich kann man dann, wenn man weiß, dass es ein Traum ist, auch alles machen, was man will... letzte Nacht hatte ich wieder einen und bin durch die Lüfte geflogen. Es dürfte einleuchtend sein, dass ich die Welt mit anderen Augen sehe als beispielsweise ein logisch denkender vernünftiger Mensch, der immer nur rational denkt.

Ohje, ich schweife ab, hoffentlich stört das keinen...

also machts mal gut und hoffentlich hat man meinen Text einigermaßen gut verstanden

grüßle und (z)winka Phineas


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