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BeitragVerfasst: So, 29.7.07 13:33 
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Hallo!

Ich lese und schreibe hier schon ziemlich lange. DGS lerne ich seit April 2002. Ich bin zentral fehlhörig. Bin mit Diagnose "Asperger-Autismus".

Eine Situation ist neu für mich. Was?

Ich bin mit motorischen Problemen aufgewachsen, die heissen "Tics", das sind unkalkulierbare Zuckungen. Diese Tics waren mehrere Jahrzehnte lang weniger ein Thema für mich. Nachts ja, manchmal. Tagsüber für wenige Sekunden manchmal, aber nur winzige Bewegungen, kaum sichtbar.

Seit einigen Wochen ist es so, dass diese Zuckungen recht umfangreich und sehr oft sind. Mit den Händen mach ich krampfhafte Greifbewegungen. Meine Schultern strecken sich, meine Rückenmuskeln lassen den ganzen Rumpf zucken. Die Unterschenkel ruckeln rum.

Ich vermute: Die derzeitigen heftigen Tics sind eine "Zwischen-Zeit" wegen meines DGS-Trainings. Ich vermute, dass ich mein Gehirn sehr irritiere, eine neue visuell-kinästhetische Sprache zu lernen. Denn ich war ohne Körperschema aufgewachsen. Ich bin der DGS sehr dankbar, dass mir jetzt ein Körperschema möglich ist. Wenn die motorischen Tics nur ein Zwischenstadium sind, ist es okay. Aber ich habe Angst, dass diese Tics noch stärker werden - dass ich dann gar nicht mehr kommunizieren kann.

Diese ganze Situation beschäftigt mich sehr, macht mir total Angst.

Hier, mit diesem Posting möchte ich insbesondere mit Euch Kontakt aufnehmen, die ihr einerseits DGS könnt, andererseits aber ähnliche motorische Erfahrungen habt - wenn auch mit evt anderer Ursache. Ich weiss nicht, wie es weitergehen kann...

lg von biene63


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 4:18 
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Hi Biene! :)

Habe ich das richtig verstanden, dass wenn du DGS gebrauchst, du keine Tics mehr hast?

Meine Mutter hat mir neulich von einem Neulich von einem Musiker, der auf Tourette diagnostiziert ist (hast du Tourette?) erzählt, der wenn er Klasier spielt keine Tics mehr hat.

Was fasziniert dich so an Gebärdensprache?

Gruß Brook


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 7:41 
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Hallo Brook, :D

Brook hat geschrieben:

Habe ich das richtig verstanden, dass wenn du DGS gebrauchst, du keine Tics mehr hast?

Nein.
Derzeit sind die Motorik-Probleme sehr verstärkt. Weil ich durch das DGS-Lernen alles in meinem Gehirn durcheinander bringe. Aber grundsätzlich ist die DGS gut und wichtig für mich.


Brook hat geschrieben:
Was fasziniert dich so an Gebärdensprache?

- DGS ist ne schöne, ausdrucksstarke Sprache.
- DGS baut mir ein Körperschema auf.
- Durch DGS kann ich jetzt Mimik besser verstehen-erkennen und üben, Blickkontakt aufzubauen / zu halten.
- DGS ermöglicht mir und meinen Söhnen in eine Parallelsprache zu gehen,wenn Lautsprache nicht möglich ist. Meine Söhne bevorzugen Lautsprache.

lg von biene63


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 10:35 
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biene63 hat geschrieben:
DGS ermöglicht mir und meinen Söhnen in eine Parallelsprache zu gehen,wenn Lautsprache nicht möglich ist.


Inwiefern nicht möglich? Meinst du zu laut, oder so, oder dass du dich nicht in der Lage siehst (aus welchen Gründen auch immer) zu sprechen?


Ich hoffe, ich werde jetzt nicht zu persönlich... :oops:

In deinem ersten Posting hast du geschrieben, dass du die Diagnose Asperger-Autismus hast. Ich versuche mir gerade vorzustellen, inwiefern du dich von der eigentlichen "Norm" insofern unterscheidest, dass man dich in eine Schublade steck/du dich selbst gesteckt hast? Was macht dich anders, als die "Norm"?
Mir war garnicht so bewusst, dass es verschiedene Formen von Autismus gibt. Inwiefern unterscheiden sie sich? Was haben sie gemeinsam?


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 15:27 
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Hallo Brook, :D

Brook hat geschrieben:
biene63 hat geschrieben:
DGS ermöglicht mir und meinen Söhnen in eine Parallelsprache zu gehen,wenn Lautsprache nicht möglich ist.


Inwiefern nicht möglich? Meinst du zu laut, oder so, oder dass du dich nicht in der Lage siehst (aus welchen Gründen auch immer) zu sprechen?

Mein jüngerer Sohn ist mittel-bis hochgradig schwerhörig.
'Bis Alter 2 Jahre war er an Taubheit grenzend. Es hat viele Jahre des Hörtraining gekostet.
Es hat viele Jahre gekostet, immer alle Worte "notfalls" zum x-ten Male zu wiederholen,.... wohlprononciert zu wiederholen, ....die Silben in sich aufgedehnt zu wiederholen, ...die Endungen zu wiederholen, ein Wort mit gleicher Bedeutung neu zu verwenden -was aber evt besser akustisch zu verstehen ist....zu beachten ob evt Konsonanten-Ähnlichkeiten zu nem anderen Thema geführt haben, weswegen Patrick aber im Verständnis woanders gelandet war....zu beachten, ob Patrick inhaltlich ein Wort bekannt war.

Es hat viel Kraft gekostet, im Blick zu behalten, ob die Batterien der Hörgeräte grad funktionstüchtig waren...ob die Ohrmulden passten oder zugesetzt waren...ob die Hörgeräte an sich arbeiteten....

Ich bin alleinerziehend. Patrick war gut trainiert, "notfalls" stimmlich seine Frage solange zu wiederholen, bis er ne Antwort bekommen hatte. Nun, also was tun im Falle meiner Erkältung-Heiserkeit? Wie einem kleinen Asperger-Autisten erklären, dass Mama grad nicht antworten kann, weil sie keine Stimme hat - er sich also nicht verhört hat?

Wir hatten viele Situationen, da Patrick ohne Hörgeräte war oder es bis heute ist: noch-schon im Bett, in der Badewanne, im Schwimmbad, Hörgerät kaputt, Ohr krank

Wir hatten viele Situationen, da "Zuhören" für einen von uns einfach irgendwie zu anstrengend war-ist. Gleichfalls hatten wir viele Situationen, da "stimlich antworten" für einen von uns irgendwie zu anstrengend war-ist. Das sind solche Situationen wie: Bus-Bahn fährt ein oder ab. Im Restaurant oder auf der Familienfeier ist es laut und alles redet durcheinander.

Natürlich haben wir auch solche Situationen, da ich einem von meinen Söhnen was erzählen will - und es brauchen nicht alle anwesenden Hörenden mitbekommen. Traditionellerweise ist DGS da eine gute Wahl! :bday:

Brook hat geschrieben:
In deinem ersten Posting hast du geschrieben, dass du die Diagnose Asperger-Autismus hast. Ich versuche mir gerade vorzustellen, inwiefern du dich von der eigentlichen "Norm" insofern unterscheidest, dass man dich in eine Schublade steck/du dich selbst gesteckt hast? Was macht dich anders, als die "Norm"?
Mir war garnicht so bewusst, dass es verschiedene Formen von Autismus gibt. Inwiefern unterscheiden sie sich? Was haben sie gemeinsam?

öh....ich hatte Dir den Link von www.aspies.de gegeben. Du erinnerst Dich? Vielleicht liest Du Dich dort bitte in die Thematik ein, ganz besonders wegen der Abgrenzungen zu anderen Autismusformen...und wie man als Aspie so im Alltag klarkommen kann. 'Es sind ja viele Erfahrungswerte dort zu lesen. Die muss ich nun wirklich nicht hier alle auflisten - das würde den Rahmen dieses Forums hier sprengen. Bernd kann mit dem Speicherplatz seines Forums bestimmt was Besseres anfangen, hmm?

lg von biene63


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 17:22 
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Ich dachte du möchtest möglicherweiße von DEINER Problematik davon erzählen, dass man GEGEBENENFALLS darauf Rücksicht nimmt (wo es Notwendig sein sollte und du auch möchtest), aber wenn du nicht davon erzählen möchtest, kann ich darauf auch keine Rücksicht nehmen.

wenn das für dich kein Problem ist, ist es ja gut, aber dann erwarte (keine Unterstellung oder so, lediglich eine Aussage) es auch nicht von mir!

Mich da ewig lang einzulesen sprengt nämlich MEINEN Rahmen und ich habe mich über diese Beeinträchtigung schon mehr eingelesen, als ich eigentlich gewollt habe (nicht wegen dir, sondern ganz generell)!

So, damit wär das Thema auch geklärt, hmm?


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BeitragVerfasst: Di, 7.8.07 18:32 
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Hallo Brook, :D

Brook hat geschrieben:
Ich dachte du möchtest möglicherweiße von DEINER Problematik davon erzählen, dass man GEGEBENENFALLS darauf Rücksicht nimmt (wo es Notwendig sein sollte und du auch möchtest), aber wenn du nicht davon erzählen möchtest, kann ich darauf auch keine Rücksicht nehmen.

Ach so, ja danke für den Tip. Vielleicht hatte ich Dich zuvor missverstanden, sorry. :roll:

Die Motorikprobleme sind wie oben beschrieben. Ich bin mit solchen "Restless legs" aufgewachsen, aber derzeit ist das alles viel umfangreicher.

Mimik erkennen klappt aufgrund des DGS-Trainings ganz gut. Ich versteh also viele Mimik-Variationen jetzt inhaltlich, was zuvor wesentlich weniger möglich war.

Grosses Problem ist immer noch die Gesichterkennung. Ich seh zwar die Gesichter. Aber oftmals sind es einfach nur Gesichter mit blonden-braunen-roten-grauen-schwarzen Haaren drumrum. Ich orientiere mich an Brillenfassungen, Muttermalen, Nasenform. Aber wenn jemand ne neue Brille hat, neue Haarfarbe oder nen neuen Haarschnitt - komm ich oftmals vollkommen ins Schleudern! Entsprechend weiss ich oft nicht, ob ich einer Person schon mal begegnet bin, in welchem Staditum des Kontaktes wir sind, was die Interessen der Person sind usw. Es ist oftmals problematisch, dem Gesprächspartner klarzumachen, dass er-sie mich bitte informieren soll, ob wir uns schon kennen und wenn ja in welchem Kontext.

Viele soziale Regeln sind mir noch verschlossen. Einfach, weil ich all die Jahre zuvor heftige Sensorische Übersensivitäten hatte, darum einfach kaum Kapazität hatte, mich um soziale Interaktionen zu kümmern. Meine Sensorische Belastbarkeit ist jetzt wesentlich besser, darum kann ich mich jetzt ums "Soziale" kümmern! *freu*
Entsprechend lern ich jetzt erst, mich für...zu interessieren:
- den Namen meines Gegenübers
- die Funktion in der sozialen Rolle
- evt das Geburtsdatum
- evt die Interessen
- in welcher Kombination ich mir sinnvollerweise noch weitere Namen von anderen Personen merken sollte...wegen Familienmitglieder oder Kollegen oder sonstiger Beziehungen

Den Blickkontakt aufzubauen und halten lerne ich durch das DGS-Training zunehmend besser. Aber?
- Früher, für das "lautsprachliche Gespräch" hab ich mir ne Art "schmales Mini-Text-Band" in meinem Kopf mit dem beabsichtigten, weil auszusprechenden Text beschriftet. Und dann - in der Situation hab ich von da (von diesem inneren Textband) abgelesen. Also hab ich in dem "lautsprachlichen Gespräch" keinen Blickkontakt aufgenommen-gehalten, weil ich mit Textband ablesen beschäftigt war.
- Jetzt, für die Vorbereitung aufs "DGS-Gespräch" hab ich einen "internen Gebärdenraum'" den ich mit nem "internen DGS-Video" belege. Im DGS-Gespräch schaue ich dann von diesem "Viedo" ab.
Die Sätze sind immer so vorbereitet, dass sie einen gewissen Spielraum für spontane Abwandlungen lassen...sowohl lautsprachlich (wie ich das früher wahnsinnig viel brauchte, jetzt seltener) und wie ich das halt im Gebärden-Kontakt sehr brauche. Die freien Abwandlungen produziere ich dann "einfach so"...entsprechend schwammig bin ich dann auch.

Den für GL so wichtigen Blickkontakt nehme ich vor Beginn meiner Gebärden-Phrase auf....und wenn ich mit dem Gebärden fertig bin. Während des Gebärdens den Blickkontakt zu halten, ist mir derzeit noch unmöglich.
Aber: Ein riesiger Fortschritt für mich ist halt, dass ich dem GL bei seiner Gebärdenrede zuschauen kann, dort kann ich gut Blickkontakt halten.
Das ist im Kontakt mit Lautsprachlern anders....denn da hab ich mit den Hörverarbeitungsstörungen zu tun, dass halt das Mundbild oft nur begrenzt zum Gehörten passt. Wenn ich was verstehen will, ist es da oft besser, ich höre nur - oder ich sehe nur. Beides zusammen klappt nur wenig. Um die Hörverarbeitung zu schonen bin ich öfter mal mit Silikon zugestöpselt.

Mein "grammatischer Gebärdenraum "eiert noch vor sich hin". :oops: Das hängt mit dem jetzt erst entstehenden Körperschema zusammen. Entsprechend kann ich kaum Indexe / Verortungen angemessen nutzen. Rollenwechsel? Ja weiss ich - aber kann ich erst gaaanz wenig! Rollenwechsel ist für GL aber eine so wichtige Erzählform. Classifikatoren schmeiss ich noch eifrig durcheinander - da ist die Problematik gemischt aus den Motorikprobs und dem wenigen Körperschema.

Ziemlich gut belastbar ist meine rationale Kenntnis von DGS-Vokabeln. :-)))

Im Visuellen Bereich sind Blitzlichter aller Art ein grosses Problem. Lasershows, Stroboskope, Discobesuche sind mir unmöglich. Foto-Blitzlicht ist höchst unangenehm. Weisses Papier, von der Sonne beschienen ist unwahrscheinlich grell! Da ist mir meine Sonnenbrille gut hilfreich.

Berührung: Taktile Reize krieg ich inzwischen besser geregelt als früher. Hilfreich ist immer, wenn ich mir mehrmals täglich die Hände eincreme. Fester gleichmässiger Druck (zB Begrüssung) ist mir inzwischen oftmals sogar angenehm *superfreu*. Aber wenn an mir "rumgestreichelt wird", kann ich das kaum aushalten - diese hin-und-her-Reiberei bewirkt leider das Gegenteil vom Beabsichtigten. Vielleicht ändert sich das ja auch noch, mal sehn?

Das Risiko zur geschmacklichem-geruchlichen Überreizung komme ich mit steter Nutzung von Pfefferminz-Kaugummis gut entgegen. Ansonsten ess ich nur Speisen, die für MICH angenehm-variantenreich schmecken. Bedeutet: für die restliche Menschheit sind diese Speisen in der Regel "ungewürzt"

Bereich Emotionen: Aufgewachsen bin ich mit einem undefinierbaren Gefühlebrei, den ich aber so auch nicht benennen konnte....weil nach Vorstellung meiner Eltern ja überhaupt kein Problem da war. Inzwischen kann ich ziemlich viele Emotionen recht gut unterscheiden, allerdings hab ich das Zuordnen Situation ==> Gefühl lange auf rationaler Ebene üben müssen. Meine Gefühle sind wie "kindliche Bedürfnisse"....ich bin wie ein emotionales Kind im Körper einer Erwachsenen mit dem Verstand einer Hochbegabten. Das ist ne schwierige Kombination, die gesprächstechnisch / sozial interaktiv viel Sprengstoff mit sich bringt.

lg von biene63


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