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 Betreff des Beitrags: Links taub, rechts nur manchmal...
BeitragVerfasst: So, 25.3.07 23:16 
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Registriert: So, 25.3.07 17:35
Beiträge: 20
Hallo allerseits,

habe mich erst heute registrieren lassen, obwohl ich schon seit ein paar Monaten immer mal wieder im Taubenschlag vorbeigeschaut habe. Aber das ist wahrscheinlich typisch, daß ich immer 'ne halbe Ewigkeit brauche, bevor ich mich "oute".
Übrigens: ich bin weiblich, 29 Jahre alt, habe einen lieben Mann und zwei Kinder. Und die sind letztlich auch der Grund dafür, daß ich hier auftauche. Denn so langsam kann ich mich nicht mehr davor drücken, bestimmten Tatsachen ins Gesicht zu sehen, auch wenn ich jahrelang eher versucht habe, meine Ohrengeschichten zu ignorieren. Aber wie sollen sie lernen, normal damit umzugehen, wenn ich es nicht hinkriege?
Vor neun Jahren kam alles recht plötzlich: Ich habe damals ziemlich viel Musik gemacht und unter anderem im Studentenorchester Fagott gespielt. Einmal haben wir vor einem Konzert in einem ziemlich engen Räumchen unsere Instrumente ausgepackt. Alle traten einander auf den Füßen herum, soweit war alles wie immer. Nur daß ich in dem Drunter und Drüber einen Cellostachel ins linke Ohr kriegte, sprengte dann den Rahmen des Üblichen. Jedenfalls war einschließlich der Cochlea alles Matsche. Von dem Schmerz bin ich dann erstmal umgekippt, und als ich wieder da war, hörte ich zwei Tage lang auf beiden Ohren nichts (schockbedingter Nervenausfall rechts). Ich habe viel Glück im Unglück gehabt, denn nicht nur die Facialisparese hat sich wieder gegeben, sondern auch mein Hörvermögen rechts habe ich vollständig wiedererlangt - vermutlich dank eines superguten Fußreflexzonentherapeuten. Allerdings "spinnt" mein rechtes Ohr seit dem Unfall ein bißchen. Im ersten Jahr danach war es sehr unzuverlässig, dann wurde es einigermaßen "stabil". Aber bei Stress und Infekten macht es immer "dicht" (meistens Gehörgangsentzündungen, einmal hatte ich's auch wieder vom Nerv her...). 1-3mal im Jahr habe ich also meine ganz tauben Tage, wenn mein rechtes Ohr mit Mull und Salbe verstopft ist. Leider wird es in letzter Zeit häufiger und ich frage mich, wie lange das ohne Gehörminderung gutgeht. Früher habe ich mich in diesen Zeiten einfach "aus dem Verkehr gezogen" und das Notwendige schriftlich erledigt, aber mit den Kindern geht das nicht mehr. Ich versuche jetzt, meine Fähigkeiten im Lippenabsehen zu verbessern... Wahrscheinlich sollte ich mich darüber hinaus auch noch mit anderen Kommunikationsformen beschäftigen....
Über die Sache mit der Musik bin ich überhaupt noch nicht weg. Ich habe immer noch "Orchesterheimweh", auch wenn ich mich seit dem Unfall nicht mehr getraut habe, mit anderen zusammenzuspielen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, zuwenig zu hören und den anderen dadurch alles zu verderben. Inzwischen habe ich zwar von einigen einseitig ertaubten Berufsmusikern gehört und daraufhin habe ich sogar wieder angefangen, Fagottunterricht zu nehmen. Aber es hat keinen Zweck, weil ich psychisch so blockiert bin, daß ich in Anwesenheit meines Lehrers (oder anderer musikalischer Menschen) einfach keinen vernünftigen Ton rauskriege. Ich denke dann immer nur "ach, der arme Kerl, für ihn muß das ja furchtbar klingen", und dann klingt es natürlich auch schrecklich.
Soviel von mir... bis bald in den Foren ... viele liebe Grüße


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: Mo, 26.3.07 8:48 
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Registriert: Fr, 28.7.06 12:36
Beiträge: 50
Wohnort: Thüringen
Liebe Hagebutte,
das ist ja wirklich ein schrecklicher Unfall gewesen! Ich mag mir das gar nicht plastisch vorstellen. Aber willst Du mal richtig staunen: Ich habe auch früher Fagott gespielt! Und zwar bin ich aufgrund meiner Innenohrschwerhörigkeit (auf beiden Seiten gleich und ziemlich stark) von Oboe - ich konnte sie nicht richtig intonieren - auf Fagott umgestiegen und habe es bis zum Abi geliebt. Jetzt spiele ich aber nur noch Tasteninstrumente (Klavier und Orgel), weil man die Töne dort nicht ausbalancieren muß.
Daß Du eine psychische Sperre beim Musizieren hast, kann ich nach dem Unfall verstehen. Ich weiß nicht, ob es bei einem anderen Instrument besser wäre?
Hast Du schon mal überlegt, dich in psychologische Behandlung zu geben? Vielleicht könnte Dich diese stärker machen und dadurch Deine Krankheiten verringern?
Bei Deinem linken Ohr läßt sich ja wirklich nichts mehr machen nach dem Unfall, vermute ich. Wäre das rechte nicht so anfällig, könnte man ein Cross-Versorgung machen, bei der die am linken Ohr ankommenden Töne auf das rechte umgeleitet werden, damit man auch auf Geräusche von links reagiert.
Ansonsten käme natürlich auch Gebärdensprache infrage, wobei Du dann aber Kontakt mit anderen Gebärdensprachlern bräuchtest, zum Üben. Kinder lernen DGS wohl ziemlich schnell.

So, das waren so meine Gedanken, als ich Deinen Beitrag las, vielleicht haben andere auch noch bessere Ideen.
Zumindest zeigt Dir diese Forum - es gibt genügend Menschen mit massiven Hörproblemen!
Gruß, Doni


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: Di, 27.3.07 1:21 
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Registriert: So, 25.3.07 17:35
Beiträge: 20
Liebe Doni,

vielen Dank, daß Du Dir gleich die Zeit genommen hast, auf meine Vorstellung zu reagieren. Das hat sehr gutgetan, denn ich hatte – bisher gänzlich unerfahren in der Internet-Foren-Kommunikation – schon ein bißchen das Gefühl, ins „Leere“ hineinzuschreiben. Aber Du hast dieses Leeregefühl widerlegt.
Daß Du auch Fagott gespielt hast, ist ja ein toller Zufall! Und wie ich aus Deiner Vorstellung ersehen konnte, haben wir noch einen Gemeinsamkeit, denn auch ich bin dabei, eine Doktorarbeit zusammenzuschustern.
Was den Umgang mit Hörproblemen angeht, bist Du mir allerdings um Längen voraus, scheint mir. Inzwischen habe ich ja auch keine Schwierigkeiten mehr mit dem Alltäglichen (nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe, erklären, warum ich etwas nicht verstanden habe etc), aber die langfristige Perspektive bereitet mir – wie beschrieben – doch noch Probleme.
Da ist zum einen die Musik: Ich muß gestehen, daß mir erst im Verlauf der letzten anderthalb Jahre, als ich wieder Fagottstunden nahm, klar wurde, wie tief die ganze Geschichte doch noch bei mir sitzt. Mit Anfangsschwierigkeiten hatte ich ja gerechnet, aber daß ich ein Jahr lang meine Hemmungen nicht mal ansatzweise überwinden konnte, hat mich dann doch erstaunt und erschreckt. Deshalb habe ich wirklich schon daran gedacht, einen Psychologen aufzusuchen, aber die Tatsache, daß man hier in der Gegend (Weimar/Jena) 2-3 Jahre auf einen Therapiemöglichkeit warten muß (Schnupperstunden gibt’s sofort, mehr aber nicht), hat mich dann recht schnell abgeschreckt. Schließlich weiß ich nicht einmal, ob ich dann noch hier wohnen werde (Diss. und danach?) Aber vielleicht wäre der Wechsel zu einem Tasteninstrument noch einen Versuch wert, zumal die Angst, intonationsmäßig daneben zu liegen, ja wegfiele. Ich besitze zwar kein Klavier oder dergleichen, aber da ließe sich sicherlich eine Lösung finden. Jedenfalls vielen Dank für die Anregung!
Was das CROSS-Gerät betrifft, so habe ich vor ein paar Jahren mal eines ausprobiert, mit mäßigem Erfolg, da mein rechtes Ohr mit der zusätzlichen Beschallung nicht zurechtkam. Allerdings meinte meine HNO-Ärztin vor etwa einem Jahr, daß die Geräte inzwischen weitere technische Finessen hätten und sich ein erneuter Versuch vielleicht lohnen würde. Allerdings habe ich die Sache bisher nicht weiter verfolgt (meine Tochter kam gewissermaßen dazwischen).
Mit dem Stichwort Gebärdensprache bist Du bei einem für mich schwierigen Punkt angelangt. Rational betrachtet, wäre es äußerst sinnvoll, sie zu erlernen (schaden kann’s ja in keinem Fall). Aber emotional schiebt sich immer etwas dazwischen. Wenn ich wüßte, daß ich nie wirklich auf die Gebärden angewiesen sein würde, fände ich das – glaube ich – einfach nur interessant. Aber mit dem Gedanken, daß sie (unter Umständen, möglicherweise etc) irgendwann einmal meine einzige direkte Kommunikationsweise sein könnten, tue ich mich äußerst schwer. Ich hänge ziemlich an meiner Sprache (Germanistin…) und an vielen Menschen, denen es ebenso geht. Meine Berufskompetenzen lesen und schreiben würden mir ja nicht abhanden kommen, das ist es nicht. Aber gewisse Verlustängste sind wohl doch im Spiel. Vor neun Jahren habe ich beinahe meinen gesamten Freundeskreis eingebüßt, da die Musikerfreunde noch viel schlechter mit meiner veränderten Situation zurechtkamen als ich (inclusive mein damaliger Freund, Musikstudent), während ich für die Mediziner (bis zu dem Unfall habe ich drei Semester Medizin studiert) sozusagen die Seite gewechselt hatte (Patienten sind immer die anderen). Naja, ein paar Getreue sind mir verblieben, aber trotzdem… Nun sind es eben die sprachverliebten Geisteswissenschaftler, die ich nicht verlieren möchte…
Du siehst, auch damit könnte ich einen Psychologen beschäftigen. Stattdessen treibe ich mich hier herum, weil ich den Eindruck habe, daß es mir hilft, ein normaleres Verhältnis zur Gebärdensprache zu entwickeln, wenn ich von einem normalen, alltäglichen Umgang mit ihr lese. Tatsächlich kenne ich niemanden, der DGS beherrscht, persönlich. Deshalb werde ich wohl in den anderen Foren noch ein paar Fragen dazu loswerden, insbesondere was Erfahrungen mit hörenden Kindern und gebärdensprachlicher Kommunikation betrifft. Ich versuche also, mich heranzupirschen. Aber ich muß auch sehen, wie ich zeitlich alles unter einen Hut kriege (Familie, Diss. muß in diesem Jahr eingereicht werden etc. – habe eigentlich nur nachts Zeit, im Internet herumzuschauen).
Nochmals vielen Dank fürs Schreiben! Das hat meiner Motivation, in einigen Seelenkämmerchen zu renovieren, ziemlich auf die Sprünge geholfen.
Viele liebe Grüße und bis bald
Hagebutte


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