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BeitragVerfasst: Mo, 21.11.11 17:24 
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Registriert: Mo, 21.11.11 16:03
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Wohnort: Berlin
Hey ihr lieben.
Ich geh momentan in die 10. Klasse und habe letzte Woche an einem Schnupperkurs für Gebärdensprache teilgenommen. Ich mache dieses Jahr den Mittleren Schulabschluss und meine Themenfrage lautet:

Können sich Gehörlose Heute im Vergleich zu den 70er - 80er Jahren besser in die Gesellschaft integrieren?

Dazu habe ich ein paar Fragen und fände es schön, wenn ihr mir einige beantworten könntet.

1. Hat sich die Kommunikation zwischen Dir und Nichtgebärdensprachlern verändert?
2. Wie telefonierst du?
3. Was für Hilfsmittel benutzt du?
4. Nutzt du viel das Internet?
5. Hast du eine Zeitschrift/Zeitung abonniert?
6. Guckst du gerne Filme, wenn ja, liest du Untertitel oder lieber von den Lippen ab?
7. Hat Musik für dich eine Bedeutung?
8. Gibt es Theater für Gehörlose?
9. Wie bist du aufgewachsen?
10. Hast du eine 2. "Fremdsprache" in der Schule gelernt und wird heute in den Schulen eine weitere "Fremdsprache" gelehrt?
11. Hat sich das Angebot an Berufen für Gehörlose in den Jahren vergrößert?
Wenn ja kannst du ein paar Beispiele nennen?
12. Verreist du gerne?
13. Kannst du in anderen Ländern gut kommunizieren?
14. Gibt es im Fingeralphabete/ der Gebärdensprache der verschiedenen Ländern unterschiede?
15. Gibt es in der Gebärdensprache eine Jugendsprache?
16. Gibt es seitdem Ursprung der Gebärdensprache in Deutschland Veränderungen?

Falls ihr weitere Informationen für mich und mein Thema hättet, könnt ihr mich gerne anschreiben.

Bitte seid nicht böse, wenn ein paar Fragen nicht richtig formuliert sind.

Liebe Grüße Sofie.


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BeitragVerfasst: Di, 31.1.12 14:52 
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Beiträge: 92
Hi, leider sehe ich dein Posting erst jetzt, aber vielleicht nützt es noch was zu antworten. Bin seit 1982 gehörlos, also mit 16 ertaubt. Meine Tochter ist übrigens auch in der 10. Klasse :). (hörend)

Sofie hat geschrieben:
Können sich Gehörlose Heute im Vergleich zu den 70er - 80er Jahren besser in die Gesellschaft integrieren?

Es gibt heute viel mehr technische Hilfen. Im Internet bin ich kaum behindert (naja, Musik gibt es da ja auch mal). Sehr nützlich ist es dann natürlich, wenn man "nur" ertaubt ist und Lautsprache Muttersprache ist. Aber ich habe in Foren auch schon Gehörlose von Geburt angetroffen (erkennt man z.B. an Artikeln o.ä.). Finde das mutig und cool.

SMS ist auch super, mobiles Internet auch. Schon mit dem Fax sind die Schreibtelefone langsam ausgestorben. Etwas schade eigentlich. Sie bieten auch etwas, was keine andere Technik bietet, selbst Videochat nicht, denn da muss der andere auch erstmal online sein. Unsere alten Schreibtelefone sind jetzt kaputt, aber sowas nutzt auch kaum mehr jemand (eine Umfrage hier wäre interessant :)).

Zitat:
1. Hat sich die Kommunikation zwischen Dir und Nichtgebärdensprachlern verändert?

Nicht wirklich. Ich nutze manchmal Spracherkennung im Handy, aber so schnell ist die ja auch noch nicht, d.h. man muss immer erst auf "Fertig" drücken und warten. Zudem geht das auch nur in leiser Umgebung ohne viele störende Stimmen drumherum. Ein CI dürfte die Kommunikation jedoch grundlegend ändern, aber ich habe mehr Schiss vor der OP oder möglichen Nebenfolgen als ich es unbedingt brauche. Mir geht es auch so gut.

Zitat:
2. Wie telefonierst du?

Telefonieren? Was ist das? ;) An meinem Arbeitsplatz hatte ich anfangs ein Telefon, aber es verstaubte... Zuhause nutzen das nur unsere Kinder.

Zitat:
3. Was für Hilfsmittel benutzt du?

- Fax
- SMS im Handy
- Handy mit Spracherkennung
- Email/Internet (Foren)
- TV mit Untertiteln
- DVD/BluRay mit Untertiteln
- Lichtblitzanlage
- Lichtwecker

Zitat:
4. Nutzt du viel das Internet?

Ja.

Zitat:
5. Hast du eine Zeitschrift/Zeitung abonniert?

Ja.

Zitat:
6. Guckst du gerne Filme, wenn ja, liest du Untertitel oder lieber von den Lippen ab?

Mundablesen ist bei Filmen kaum möglich bzw. reicht nicht. Das kann nicht mal meine sehr gut mundablesende Frau. Also immer UT.

Zitat:
7. Hat Musik für dich eine Bedeutung?

Ja. Nicht von außen, aber ich singe viel für mich, z.B. im Auto. Eigentlich vergeht kein Tag für mich ohne Musik im Kopf.

Zitat:
8. Gibt es Theater für Gehörlose?

Ja, habe ich selbst mal mitgespielt. Aber das ist schon länger her (Hamburger Sprach- und Gebärdenbühne, sowie Visuelles Theater Hamburg). Ich war nun schon lange nicht mehr im Gehörlosentheater als Zuschauer. Das Deutsche Gehörlosentheater gibt es bestimmt noch, bin mir aber nicht sicher. Das hatte ja mal einen Wandel von LBG auf DGS.

Zitat:
9. Wie bist du aufgewachsen?

Gut :D. 16 Jahre hörend, dann ertaubt und zur Schwerhörigenschule gegangen (danach Ausbildung, Arbeit, FOS, Studium und wieder Arbeit...)

Zitat:
10. Hast du eine 2. "Fremdsprache" in der Schule gelernt und wird heute in den Schulen eine weitere "Fremdsprache" gelehrt?

Latein hatte ich noch hörend. Französisch habe ich nur gehörlos gelernt, aber auch nur 1 Jahr gehabt. Unterhalten in Französisch kann ich nicht. Englisch kann ich wohl ähnlich wie ein Hörender (auch in Emails oder im Internet). DGS an Hörendenschulen als Fremdsprache wäre cool.

Zitat:
11. Hat sich das Angebot an Berufen für Gehörlose in den Jahren vergrößert?
Wenn ja kannst du ein paar Beispiele nennen?

Als ich studiert habe (1990 bis 1995), hatten noch nicht so viele andere Gehörlose studiert, aber das wurden wohl mittlerweile mehr. Heute sind ja immer 2 Dolmetscher Standard. Das sind ja hohe Kosten, aber ich glaube, das Integrationsamt bezahlt das weiterhin. Ich hatte früher im Studium nur eine Dolmetscherin. Heute würde ich vielleicht auch mal einen Schriftdolmetscher nehmen.

Zitat:
12. Verreist du gerne?

Ja, aber bin kein Reisefreak.

Zitat:
13. Kannst du in anderen Ländern gut kommunizieren?

Wie in Deutschland etwa, denn Englisch geht fast überall und Mundablesen ist bei Hörenden schon im Deutschen nicht so leicht.

Zitat:
14. Gibt es im Fingeralphabete/ der Gebärdensprache der verschiedenen Ländern unterschiede?

Ja. Polen hat z.B. auch nicht die gleichen Buchstaben. Aber im Kern sind sie schon weitgehend ähnlich.

Zitat:
15. Gibt es in der Gebärdensprache eine Jugendsprache?

Weiß ich nicht. Zu Gebärden kam ich erst mit etwa mit 20, kann auch heute nicht perfekt DGS, aber es geht so.

Zitat:
16. Gibt es seitdem Ursprung der Gebärdensprache in Deutschland Veränderungen?

Soo alt bin ich noch nicht :D. Aber Gebärden verändern sich sicher auch so wie Lautsprache langsam.
j.


Zuletzt geändert von jenne am Di, 5.6.12 16:57, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Di, 5.6.12 16:24 
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Beiträge: 13
Hallo jenne! Die Antworten sind wirklich toll. Wäre schön, wenn andere auch ihre Antworten abgeben. :)

Ein Bekannter von mir benutzt zum Wecken nämlich ein Vibrationsmechanismus, der im Kissen eingearbeitet ist :)

Und ob es eine Jugensprache gibt wäre auch interessant zu erfahren :)

_________________
http://mobilspionage.de/prepaid-handy-orten/


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BeitragVerfasst: Di, 5.6.12 17:03 
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Registriert: So, 7.10.01 1:00
Beiträge: 92
Habe meinen Beitrag oben noch minimal korrigiert :).
Eine Jugendsprache ist abhängig von der Szene bzw. Schule. Aufgrund der großen CI-Verbreitung gibt es jetzt sicher weniger gehörlose Schüler als früher, aber ich denke, es sind sicher noch genug, um ihre eigene "Jugendsprache" zu entwickeln. Doch ich denke, die Verbreitung ist wohl nur regional zu finden, nicht sehr weiträumig. Jugend-Schriftsprache kann sich auch über das Internet verbreiten und entwickeln (Chat etc.), Gebärdensprache sicher viel weniger. Ich weiß nicht, ob gehörlose Schüler oft Videochat nutzen, aber das wäre immerhin eine Möglichkeit, die "neuen" Gebärden unters (gehörlose) Volk zu bringen. Leider ist Videochat noch nicht immer nicht sehr flüssig, aber es reicht schon für Gebärden.
j.


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BeitragVerfasst: Do, 4.10.12 2:06 
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Beiträge: 478
Wohnort: Arlington, MA - USA
Es ist ja reichlich spaet fuer Sofie mit ihrer Themenarbeit.

Aber destoweniger interessant koenne meine Antwort zu ihren Fragen sein.

1. Hat sich die Kommunikation zwischen Dir und Nichtgebärdensprachlern verändert?
Ja, es wird mehr in Gebaerdensprache durch Dolmetscher gemacht. Falls sie gebarden koennen, wird in Gebaerden kommuniziert. Die Last des Lippenlesens mit haeufigem Missverstehen und Wiederholen wird genommen.

2. Wie telefonierst du?
Schreibtelefon, aber jetzt vermehrt Email. Ich benutzte Telefonvermittlungsdienste, meine Schrift wird vom Operator in die Lautsprache uebertragen, und umgekehrt Lautsprache wird vom Operator zu meinem Schreibtelefon getippt. Aber das wird seltener. Ich benutze jetzt fast vorwiegend Video-Vermittlungsdienst, wo meine Gebaerden von einem Gebaerdensprachdolmetscher uebersetzt werden.

3. Was für Hilfsmittel benutzt du?
Lichtsignalanlagen, Email, Schreibtelefon, Dolmetscher, UT; Gebaerdensprache ist kein Hilfsmttel, aber normale Sprache. (Nent ihr Deutsch Hilfssprache?)

4. Nutzt du viel das Internet?
Selbstverstaendlich

5. Hast du eine Zeitschrift/Zeitung abonniert?
Ja viele

6. Guckst du gerne Filme, wenn ja, liest du Untertitel oder lieber von den Lippen ab?
Stets UT, Lippenlesen praktisch unmoeglich

7. Hat Musik für dich eine Bedeutung?
Null, wenn gegeben, hat nur Rhythmus-Teil in Form von Arm-, Bein- und Torsobewegungen Bedeutung

8. Gibt es Theater für Gehörlose?
Ja, es gibt das, aber leider wegen finanziellem Audismus schwer durchfuehrbar

9. Wie bist du aufgewachsen?
Besuchte Schule mit tauben Kindern fuer acht Jahren, monolingual in Deutsch mit bruchstueckhaften Gebaerden von Lehrern, aber in Gebaerdensprache mit Schulkameraden. Kommuniziert mit meiner hoerenden Familie oral

10. Hast du eine 2. "Fremdsprache" in der Schule gelernt und wird heute in den Schulen eine weitere "Fremdsprache" gelehrt?
Nein, habe Englisch und Latein ganz autodidaktisch gelernt. Ich beherrsche Englisch besser als Deutsch.

11. Hat sich das Angebot an Berufen für Gehörlose in den Jahren vergrößert?
Wenn ja kannst du ein paar Beispiele nennen?
Schriftsetzer und viele handwerksberufe sind aus. Dafuer manche Computerberufe, aber Schwierigkeiten fuer hohere Computerberufe. Einige akademische Berufe entwickeln sich im Taubenwesen, z.B. Lehrer, Gebaerdensprachdozent, Dolmetscher im Video-Uebersetzung, Pflegeberufe, usw.

12. Verreist du gerne?
Ja, Reisen war Hobby Nummer eins tauber Menschen. Begegnungen mit tauben Menschen in anderen Laendern sind immer erbauend und oft als Gast in deren Familien willkommen. Hotelkosten werden erspart.

13. Kannst du in anderen Ländern gut kommunizieren?
Ja prima per Gebaerdensprache, international angepasst.

14. Gibt es im Fingeralphabete/ der Gebärdensprache der verschiedenen Ländern unterschiede?
Klar, Unterschiede gibt es. ASL ist am weitesten vrbreitet und haben die eingeborenen GS schon verdraengt, wie auf den karibischen Inseln und Zentral-Amerika und einigen afrikanischen Laendern. Jedoch gibt es eigene GS in anderen Laendern. Sogar geibt es mehrere GS in einem Land, wie in Deutschland und der Schweiz! Jedoch bereiten Unterschiede wenig Probleme in Kommunikation unterenander. Es wird manche Anpassungstechniken entwickelt, die Tauben flexibler in Kommunikation machen. Zu Fingeralphabet, die Briten, Australier, New Zealander, Suedafrikaner benutzen das zweihaendige Handalphabet, waehrend in den USA und praktisch ueberall das einhaendige benutzt wird. Das amerikanische ist das weitest verbreitete. Die Japaner benutzen ein auf Silben basierendes Manual-Alphabet, bestehend auf 55 Handzeichen. Viele Laender haben ihr eigenes auf Buchstaben basierendes Manualalphabet, z.B. in Russland, Griechenland, Israel und Schweden. Das ist nicht alles. Man soll weiter die Stellung des Fingeralphabets in den respektiven GS beachten, z.B. in Deutschland speilt das Manualalphabet eine unterordende Rolle als in USA, Russland, Irland, U.K. und USA.

15. Gibt es in der Gebärdensprache eine Jugendsprache?
Hmm, ja und nein. Neue Gebaerden werden oft von den Jugendlichen erkoren und finden schnell in die Erwachsenensprache Eingang. Wenn eine taube Jugendliche eine unbekante Gebaerde benutzt, wird sie von den Erwachsenen entweder verstanden oder nach deren Bedeutung gefragt. Kein Problem. Das ist anders, was mein hoerender Teenager-Sohn mit dem SMS Jargon macht. Er lacht nur und wollte nicht erklaeren, was solche Woerter bedeuten.

16. Gibt es seitdem Ursprung der Gebärdensprache in Deutschland Veränderungen?
Ja, die Sprache wandelt sich und zwar lexikalisch, nicht grammatisch. Viele neue Gebaerden finden Eingang in der GS. Manche Gebaerden werden von auslaendischen GS, hauptsaechlich von ASL, ersetzt.

Hartmut


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