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BeitragVerfasst: So, 19.10.08 10:06 
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Hallo alle zusammen!

Ich unterrichte hier in Japan seit vielen Jahren Deutsch als Fremdsprache an verschiedenen Universitäten. Dieses Semester haben sich an zwei meiner Unis zwei Hörgeschädigte Studenten für meine Deutschkurse eingeschrieben. Ich habe keinerlei Erfahrung im Umgang mit Hörgeschädigten und würde nun gern wissen, ob und wie Fremdsprachenunterricht mit Hörgeschädigten möglich ist. Gibt es didaktische Handreichungen für Lehrer? Erfahrungsberichte? Zum Grad der Hörschädigung meiner Studenten kann ich nur so viel sagen, dass ich den Eindruck habe, dass auch die Ausdrucksfähigkeit in ihrer Muttersprache (Japanisch) beeinträchtigt scheint.

Für Tipps und Hinweise dankt im Voraus

Peter


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BeitragVerfasst: Mo, 20.10.08 1:51 
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hallo,

sehr lobenswert, sich da hier rat zu holen =-)

meine erfahrung ist sehr bescheiden (englischunterricht für eine hochgradig schwerhörige Russin - allerdings nicht in einer klasse, sodass ich natürlich viel besser auf ihre bedürfnisse eingehen konnte). wir haben den schwerpunkt im unterricht auf lese- und schreibfähigkeit gelegt, weil sie kein hörverstehen hätte trainieren können, und auch das ablesen des mundbildes trat bei uns in den hintergrund, weil sie vor allem das englische für den gängigen schreibverkehr brauchen wollte. (dennoch habe ich systematisch bei neuen wörtern das IPA angegeben, zumal wir ja vom russischen ins englische auch den schriftunterschied hatten. manche gehörlose bzw. schwerhörige kennen das IPA auch von den logopädie-stunden her)

sowohl vokabeln als auch grammatik sollten möglichst immer mit bildern ergänzt und sehr visuell dargestellt werden (was bei uns gut geklappt hat, war oft buntstifte zu verwenden, z.b. auch um gleiche fehler oder satzstrukturen hervorzuheben).
bei gehörlosen ist das visuelle gedächtnis besonders gut, aber ich hab auch mit normal hörenden studenten festgestellt, dass wenn der lehrer sich bloßstellt und, selbst ungeschickt, an die tafel zeichnet - evtl. dabei die klasse zum lachen bringt oder ein ratespiel daraus macht - sich die wörter besser einprägen, oder aber man braucht nur das gleiche bild wieder an die tafel zu skizzieren, um dem gedächtnis der schüler auf die sprünge zu helfen :wink:

ansonsten sollte man natürlich die üblichen regeln einhalten :
lippen lesen ist eine verdammt schwere sache (einfach mal selbst versuchen: den ton vom fernseher ausschalten z.B. - eine sehr effektive methode, um sich in die lage seines gegenübers zu versetzen) darum ist wichtig: auf einen schnurrbart besser generell verzichten, im blickfeld des schwerhörigen bleiben, nicht sprechen während man an die tafel schreibt, für genug helligkeit im raum sorgen, bei filmsequenzen die untertitel einblenden, bei gruppengesprächen am besten ein U bilden und darauf achten, dass nicht gleichzeitig gesprochen wird, sich in regelmäßigen abständen vergewissern, dass der student verstanden (und nicht nur gehört) hat...
jedoch auch nicht zu viel rücksicht nehmen wollen: solange sich alle an die oben genannten spielregeln halten, können schwerhörige genauso gut wie andere an gruppenarbeiten teilnehmen und vor der klasse ein referat halten!

ach ja, und vielleicht machen sie mal ein kapitel über die deutsche gebärdensprache - ist ja schließlich auch bestandteil der kultur des landes, welches sie vertreten, und bei einer gesetzlichen anerkennung und umsetzung, die noch so frisch ist, haben sie dabei ein aktuelles thema :-))) das interessiert bestimmt die meisten in der klasse, vor allem wenn sie vielleicht noch ergänzend Caroline Links "Jenseits des Stille" zeigen - womit man dann eine brücke zum zeitgenössischen deutschen film geschlagen hätte.

nun, genug geplaudert. aber vielleicht war ja doch der ein oder andere ratschlag dabei, auf den sie nicht gleich gekommen waren.

gute nacht dort drüben in der ferne!


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BeitragVerfasst: Mo, 20.10.08 11:04 
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Registriert: So, 19.10.08 9:58
Beiträge: 2
Hallo jewa,

erst einmal vielen Dank für deine schnelle und ausführliche Antwort. Leider unterrichte ich recht große Anfängergruppen. Daher mache ich oft Gruppenarbeit, was unweigerlich zu einer hohen Geräuschkulisse im Klassenzimmer führt. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass dieser "Kneipeneffekt" für Hörbehinderte ein Riesenproblem ist. Muss ich jetzt meinen Unterrichtsstil komplett in Richtung Frontalunterricht umstellen? Oder würde gerade das dazu führen, dass der eine Hörbehinderte im Kurs stigmatisiert wird?

Einzelunterricht mit einem Hörbehinderten stelle ich mir spannend vor, weiß aber nicht, ob das in meinem Fall in Frage kommt.

Zitat:
zumal wir ja vom russischen ins englische auch den schriftunterschied hatten


Der Schriftunterschied zum Japanischen ist noch viel größer als zwischen Kyrillisch und Latein. Möglicherweise ist die japanische (chinesische) Schrift hörbehindertenfreundlich, weil die Zeichen direkt Begriffen zugeordnet sind und auch ohne Umweg über die Lautsprache verstanden werden können. Andererseits werden chinesische Schriftzeichen (Kanji) in japanischen Fernsehsendungen für Gehörlose vermieden, weshalb, weiß ich auch nicht. Leider ist es mit meinen japanischen Schriftkenntnissen nicht so weit her, dass ich fließend schriftlich kommunizieren könnte (mündlich klappt's einigermaßen).

"Jenseits der Stille" kenne ich natürlich. Nachdem ich den Film gesehen habe, bin ich im Internet auf den Taubenschlag gestoßen und der Namen hat sich eingeprägt, daher mein Posting hier.

Also noch einmal vielen Dank. Ich versuch jetzt mal die Ohren steif zu halten.

Gruß

Peter


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BeitragVerfasst: Mo, 20.10.08 21:45 
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Registriert: Fr, 7.5.04 14:44
Beiträge: 37
Wohnort: Frankreich
hmm, also zu deiner ersten frage sollten sich sicherlich die schwerhörigen am besten selbst zu wort melden (wobei du sie vielleicht noch eher in dem schwerhörigenforum, als hier finden wirst). didaktisch gesehen ist gruppenarbeit in sprachkursen ja beinahe unersetzbar, darum würde ich auch nicht darauf verzichten. aber vielleicht kannst du ja tricksen indem du den gruppen den platz zuweist, an dem sie ihre aufgabe vorbereiten sollen, und rein zufällig bestimmst, dass die gruppe mit dem schwerhörigen auf dem flur üben soll. [überhaupt bin ich mit meinen studenten oft in den flur gegangen, damit sie dort beim auf- und abschreiten einen text vorbereiten oder (leise, um die nachbarklassen nicht zu stören) einen dialog einstudieren z.b. das ist bei dreistündigen kursen eine angenehme abwechselung... :wink: ]

das thema schrift hatte ich ganz bewusst angesprochen, weil du mit diesem problem ja auch konfrontiert bist. was du über die schriftwahl bei der untertitelung sagst, ist ja interessant! würde auch gern wissen, warum das so ist: aus platz- oder ausrichtungsgründen für die UT? - wohl kaum; oder weil es als "eh zu schwierig für gehörlose" gilt? - das wäre allerhand. ich ärgere mich nun, weil ich erst vorgestern abend mit vier gehörlosen japanern an einem tisch saß und jetzt hätte ich ihnen gut diese fragen stellen können. :roll: fasziniert hat mich jedenfalls ihr fingeralphabet, weil ich noch nicht einmal durchgeblickt habe, ob das nun silben wieder gibt oder aber etwas anderes. war es vielleicht rōmaji? keine ahnung. aber schon spannend das ganze... :infinity:


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BeitragVerfasst: Mi, 5.11.08 23:33 
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Registriert: Mi, 17.12.03 16:09
Beiträge: 265
Wohnort: Berlin
Hallo,

Gehörlose und frühkindlich Schwerhörige sind stark visuell denkende Menschen. Bedeutet, im visuellen Bereich entwickeln bestimmte Fähigkeiten und Stärken, die auch bei jeglicher Art von Kommunikation nützlich sein können - so auch beim Fremdsprachen-Training.

hier meine Vorschläge:
- Spiel "Ich packe meinen Koffer"....pantomimisch darstellen (und mit den gewünschten fremdsprachlichen Vokabeln / Satzstrukturen ergänzen), was gemeint ist. Die Hörenden werden evt die Vokabeln schneller fliessend aussprechen können, aber es wird für sie längere Zeit dauern, die passende Vokabel einer tatsächlichen Tätigkeit zuzuordnen. Denn Hörende tun sich oft schwer damit, Pantomime auszuführen. Gegengleich wird es für die sh Kursteilnehmer sein. Sie sind vermutlich fit darin, pantomisch bestimmte Abläufe darzustellen, aber die Vokabel-Aussprache wird ihnen evt Mühe bereiten. Der Kraftaufwand für die einzelnen Kursteilnehmer wird aber ähnlich sein, wenn auch auf verschiedenen Gebieten.
- Spiel "Berufe-Raten"...sonstige Alltags-Handlungen darstellen. Prinzip wie oben.
- Spiel "Der Würfel wechselt die Farbe und geht im Kreis"....Der Dozent zeigt per Pantomime einen Würfel an und bestimmt die Farben der Seiten (welche Farbe auf welcher Seite). Dann wird dieser imaginäre Würfel auf eine Seite gedreht und an einen Kursteilnehmer weitergereicht. Dieser nimmt den Würfel entgegen, benennt die Farben in der erhaltenen Position, verändert dann die Position und reicht den Würfel weiter. ...Vaiante: Bestimmte Farben dürfen gegen neue Farben ausgestauscht werden....Variante: Der Würfel kann aufgeklappt und mit bestimmtem Inhalt versehen /ausgetauscht werden.
- Reale Lebensmittel-Studien, Nahrungszubereitung mit dem Lieblings-Gericht. Das gibt Gelegenheit, Themen zum sozialen Status anzuknüpfen, Themen Naturkreislauf, Themen zu handwerklichen oder technischen Fähigkeiten und Interessen.
- Fotoalben bzw persönlich interessierende Gegenstände mitbringen lassen, über die gesprochen werden kann. Dann haben auch die sh Kursteilnehmer grosse Chancen, sich am Unterrichtsgeschehen beteiligen zu können.

lg von biene63


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BeitragVerfasst: So, 9.11.08 13:31 
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Beiträge: 102
@Peter: da es ja um Schwerhörige geht, würde ich mich mal erkundigen, ob diese Leute
a) Hörgeräte tragen
b) eine FM-Anlage haben

Eine FM-Anlage ist eine Hörhilfe. Der Schwerhörige hat einen kleinen Empfänger am Hörgerät angeschlossen (ca. 1x1,5cm groß)
und der Sprecher hat den Empfänger. Der Empfänger hat die Größe einer Zigarettenschachtel und wiegt (geschätzt) ca. 50g.

Die FM-Anlage sorgt dafür, dass der Hörgeschädigte besser den Sprecher versteht, der Nebenlärm wird runtergepegelt.

Viele Hörgeräte haben auch sogenannte Störlärm-Programme und Richtmikrophone, mit denen dieser Kneipeneffekt nicht ganz so extrem ist und man den Sprecher besser versteht.

Eine FM-Anlage übernimmt i.d.R. die Krankenkasse, bei Studenten udn Azubis bekommt man die vom Arbeitsamt zur Verfügung gestellt.

Dies wäre eine sehr, sehr gute Möglichkeit für Gruppenarbeiten.
Die Anlage kann man in der Mitte vom Tisch platzieren, oder dem Chef der Arbeitsgruppe geben. Wie es einem besser gefällt.

Ich besitze selbst seit ich 11 Jahre alt bin so eine Anlage und nutze sie wo ich nur kann.

_________________
CI-Trägerin, fast 20 Jahre


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BeitragVerfasst: Mi, 13.6.12 11:50 
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Registriert: Di, 12.6.12 13:57
Beiträge: 1
Lena_90 hat geschrieben:
@Peter: da es ja um Schwerhörige geht, würde ich mich mal erkundigen, ob diese Leute
a) Hörgeräte tragen
b) eine FM-Anlage haben

Eine FM-Anlage ist eine Hörhilfe. Der Schwerhörige hat einen kleinen Empfänger am Hörgerät angeschlossen (ca. 1x1,5cm groß)
und der Sprecher hat den Empfänger. Der Empfänger hat die Größe einer Zigarettenschachtel und wiegt (geschätzt) ca. 50g.

Die FM-Anlage sorgt dafür, dass der Hörgeschädigte besser den Sprecher versteht, der Nebenlärm wird runtergepegelt.

Viele Hörgeräte haben auch sogenannte Störlärm-Programme und Richtmikrophone, mit denen dieser Kneipeneffekt nicht ganz so extrem ist und man den Sprecher besser versteht.

Eine FM-Anlage übernimmt i.d.R. die Krankenkasse, bei Studenten udn Azubis bekommt man die vom Arbeitsamt zur Verfügung gestellt.

Dies wäre eine sehr, sehr gute Möglichkeit für Gruppenarbeiten.
Die Anlage kann man in der Mitte vom Tisch platzieren, oder dem Chef der Arbeitsgruppe geben. Wie es einem besser gefällt.

Ich besitze selbst seit ich 11 Jahre alt bin so eine Anlage und nutze sie wo ich nur kann.


Das wollte ich auch gerade vorschlagen. Es ist eine der besten Methoden, die heutzutage möglich sind :)

_________________
www.esmokeking.de


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